Stuttgarter Nachrichten, 02.08.10: Pendel bringt Chinesen in Schwingung

Stuttgarter Nachrichten, 02.08.10: Pendel bringt Chinesen in Schwingung

25.000 Besucher strömen jeden Tag in den deutschen Expo-Pavillon im chinesischen Schanghai. Seine Konzeption gilt schon jetzt als großer Erfolg. Das macht besonders die Stuttgarter Kreativenszene glücklich, denn die meisten Beteiligten kommen von hier.

Strahlende Chinesen fotografieren sich scharenweise vor dem Bild des Stuttgarter Schlossplatzes. Noch mehr strahlende Chinesen posieren mit überdimensionalen Zipfelmützen auf dem Kopf und mutieren so in Sekunden zum typisch deutschen Gartenzwerg. Menschenschlangen winden sich ums Gebäude. Die Bilder, die am Donnerstagabend im voll besetzten Großen Sitzungssaal des Rathauses über die Leinwand flimmern, sind faszinierend. Man meint, man durchschreite selbst den deutschen Pavillon auf der Weltausstellung. Dabei sitzt man bequem in Stuttgart.

Richtig ist beides. Denn auch die geschätzt vier Millionen Besucher, die bis zum Ende der Expo am 31. Oktober den deutschen Pavillon besuchen werden, befinden sich im Grunde in Stuttgart. Sie durchstreifen eine Landschaft, die großteils in schwäbischen Köpfen, Instituten und Werkstätten ausgetüftelt worden ist. "Das Projekt ist in einem Radius von sieben Kilometern um dieses Rathaus entstanden", sagt Johannes Milla, Geschäftsführer der Agentur Milla & Partner aus dem Heusteigviertel, die mit der Konzeption beauftragt worden ist. Zehn von 15 hauptbeteiligten Firmen haben ihren Sitz innerhalb der Stadtgrenzen. Die architektonische Gestaltung des Pavillons dagegen kommt von einem Münchner Büro.

Seit der Eröffnung Anfang Mai strömen die Besuchermassen. Der deutsche Pavillon gilt inzwischen als zweitbeliebtester nach dem der Gastgeber. Dabei wurde zu Beginn viel Kritik besonders an der Architektur laut - fast ausschließlich aus Deutschland. Manch einer taufte das Konzept "Balancity", das eine Stadt der Zukunft im Gleichgewicht zeigen soll, in "Banalcity" um. Doch das ist vorbei, seit der Pavillon besonders bei den chinesischen Besuchern so gut ankommt - zuvorderst, weil er es vermeidet, mit dem erhobenen Zeigefinger zu arbeiten.

"Es ist schön, dass sich die anfängliche Einschätzung geändert hat", sagt Peter Redlin, Kreativchef bei Milla. Jetzt zeige sich, dass der Spagat zwischen deutschen Vorstellungen sowie den Erwartungen des chinesischem Publikums gelungen sei. Inzwischen betragen die Wartezeiten drei bis vier Stunden. Die Expo-Organisatoren mussten sogar beim Sicherheitskonzept nachbessern, nachdem es zu Beginn immer wieder Gerangel und Beschimpfungen wegen der langen Schlangen vor dem Gebäude gegeben hatte.

Wer erst einmal drin ist im Pavillon, den erwarten verschiedene Erlebniswelten einer Stadt. Bilder aller Bundesländer nehmen die Besucher in Empfang, es folgen ein Hafen, ein Garten, eine Fabrik, ein Park oder Kunst und Kultur. Ein Modell des Mehrgenerationenhauses Stuttgart-West demonstriert mit Playmobil-Figuren mögliche Wohnformen der Zukunft.

Höhepunkt ist die Energiezentrale zum Schluss. 600 Menschen auf drei Ebenen können durch Rufen ein gewaltiges Pendel mit 400.000 Lichtpunkten bewegen, das die Universität Stuttgart entwickelt hat. Die hochkomplexe Konstruktion löse "majestätische Bewegungen" aus, schwärmt Uni-Professor Peter Eberhard. Erst klatschen und brüllen sich die Besucher die Seele aus dem Leib, danach sehe man sie "mit strahlenden Gesichtern herauskommen".

Der Erfolg ist Anlass genug, auch die Rathausspitze jubeln zu lassen. "Der Pavillon hatte schon nach sieben Wochen über eine Million Besucher. Mehr kann man sich nicht wünschen", sagt OB Wolfgang Schuster. Das Stadtoberhaupt vergisst nicht den Hinweis, dass gute Ideen vor allem in Stuttgart mit seinen 4000 Unternehmen der Kreativwirtschaft entstehen könnten. So kreativ ist die Szene, dass man den Pavillon an diesem Abend sogar vom Rathaus aus besichtigen kann. Angesichts der Eindrücke könnte man direkt Lust bekommen, sich in China selbst ein Bild von Deutschland zu machen.

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