Stuttgarter Zeitung: Neue Blicke auf den Klosterschatz

Woher die Großkrippe einmal kam, hat Schwester Witburga, Konventoberin des Franziskanerinnen-Klosters Bonlanden, nie herausfinden können. 'Wir wissen nur, dass 1902 der Superior hier die Krippe erworben hat', sagt sie. Vielleicht waren die 254 prächtig ausstaffierten und fein geschnitzten Menschen- und 124 Tierfiguren im Zuge der Säkularisation nach 1802 von Ordensleuten gesammelt und in Sicherheit gebracht worden. Hergestellt worden sind die Figuren, das ist gesichert, überwiegend zwischen 1750 und 1860, irgendwo im bayerischen Allgäu. Die filigranen Gewänder, ist die Konventoberin überzeugt, müssen Ordensfrauen angefertigt haben, die ihr Handwerk bei der Herstellung von Messgewändern gelernt haben.

Von den achtziger Jahren an begannen die Nonnen, ihren Schatz in 16 Szenen im Kloster aufzustellen. 'Wir wollen einfach die Menschwerdung Christi weitergeben', sagt Schwester Witburga. Der heilige Franziskus sei es schließlich gewesen, der im Dezember 1223 in einer Höhle nahe dem italienischen Ort Greccio das erste Krippenspiel mit Schauspielern aufführte.

Als die Ordensfrauen merkten, dass ihre Botschaft bei immer weniger Besuchern ankam, dass die Präsentation unter schlechtem Licht und mangelnder didaktischer Führung litt, meldeten sie sich beim Stuttgarter Ausstellungsmacher Johannes Milla. Milla, in seiner Kindheit immerhin Ministrant, baute eine begehbare, sorgfältig beleuchtete, von sanfter Musik berieselte Barockkrippe auf, die auch Besucher begeistert, die dem Glaubensleben fern stehen. 'Die Herausforderung ist', sagt der Stuttgarter, 'dass viele Menschen gar nicht mehr die religiöse Bildung haben, um biblische Szenen zu erkennen.'

Nun wurden Informationstafeln aufgestellt, am Eingang ist ein Audioguide erhältlich, der Hintergründe und Erklärungen bietet. 'Man sieht nur, was man weiß', sagt Schwester Witburga.

So können Besucher nun beispielsweise das zornige Gesicht des Herodes in seinem Palast bewundern, sie erfahren aber auch, dass dessen Soldaten preußische und türkische Uniformen tragen. Die Darstellung ist also eine Übersetzung ehemaliger politischer Verhältnisse in die biblische Darstellung. Oder der Elefant in der Szene 'Die Huldigung der Sterndeuter': Er trägt bei genauem Hinsehen einen Schweinsrüssel und hat Klauen an den Füßen. Der Grund war, dass der Schnitzer einst niemals einen wirklichen Elefanten gesehen hatte und das Tier aus den Erzählungen erschuf, die ihm zugetragen worden waren.

Der Eintritt in die prächtige Schau, zu der auch eine Kinderspielkrippe gehört, ist frei, eine Spende willkommen. Die Franziskanerinnen, deren Kloster an der Autobahn 7 zwischen Ulm und Memmingen liegt, hoffen auf viele Urlauber, die einen Halt einlegen. Für ein Hinweisschild an der Autobahn habe man bisher allerdings vergeblich mit den Behörden gekämpft, sagt Schwester Witburga. Vielleicht lassen sich die Fachbeamten ja doch noch erweichen.

Öffnungszeiten Ganzjährig Dienstag bis Sonntag 10 bis 12 Uhr und 13.30 bis 17 Uhr

Von Rüdiger Bäßler

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