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31/05/06

FAZ, 31.05.2006: Erfinder von morgen im Visier

Von Johannes Milla

Jeder Technikinteressierte denkt bei Münchens Museumslandschaft fast zwangsläufig an das Deutsche Museum. Am Oskar-von-Miller-Ring, zwischen Odeonsplatz und Pinakothek der Moderne, beherbergt die Stadt aber noch eine weitere Technologie-Ausstellung, die sich zwar nicht in der Größe, aber durchaus im Anspruch mit dem Deutschen Museum messen lassen kann: Die Ausstellung "Milestones" im SiemensForum. Sie bietet Technologie-Geschichte zum Anfassen für Besucher jeden Alters.

In erster Linie richtet sie sich zwar an die an die Kunden des Unternehmens - aber grundsätzlich ist dort jeder willkommen, insbesondere Schüler und zukünftige Ingenieure. Lehrer und Schulklassen, die Exponate und Stationen der Ausstellung für einen anschaulichen Unterricht nutzen möchten, werden von den Fachkräften des Museums tatkräftig unterstützt. Denn es geht den Ausstellungsmachern nicht nur darum, die Historie des Unternehmens und die Innovationen aus dem eigenen Haus zu kommunizieren. Erklärtes Ziel ist, die Ingenieure von morgen für Technologie zu begeistern.

Jugendliche nicht nur zu erreichen, sondern auch bleibenden Eindruck zu hinterlassen, das ist gar nicht so einfach. Die Bilder, die über alle Kommunikationskanäle der Werbung auf sie einwirken, sind so vielfältig wie flüchtig. Und Markenaffinitäten kommen und gehen, die Loyalitäten zu Marken sind aufgelöst. Genau hier liegt die Chance der Kommunikation im Raum - für Initiatoren von Museen genauso wie für die von Markenwelten: Das räumliche Erleben, das physische Eintauchen in ein Museum, in einen Markenraum, wirkt intensiv und nachhaltig. Diese Chance ist allerdings zugleich Verpflichtung, denn auch schlechte Eindrücke bleiben im Gedächtnis haften.

Zudem ist bei der Kommunikation mit Jugendlichen besondere Sensibilität gefragt. Auf der einen Seite nimmt ihre Konzentrationsbereitschaft schnell ab, wenn die Themen nicht interessant und attraktiv aufbereitet sind. Auf der anderen Seite ist die jugendliche Intelligenz tendenziell skeptisch: Ob bewusst oder nicht - zumindest intuitiv spüren Schüler sofort, wenn ihnen "was vorgemacht wird".

Authentizität war auch das Argument, das die Aussteller bewegte, für die Münchner Schau kostbare historische Stücke aus den sicheren Archiven herauszuholen. Aber nicht, um sie in Vitrinen vom Publikum fernzuhalten, sondern um sie anfassbar zu machen. So lockt etwa der Zeigertelegraph die Besucher, sich mit dem Thema "Information und Kommunikation" zu beschäftigen. Zu sehen und zu berühren sind außerdem die Dynamomaschine, die Werner von Siemens 1866 erfand, ein elektrisches Läutewerk für den Bahnverkehr von 1847 oder die Differential-Bogenlampe aus dem Jahr 1877.

Um diese Innovationen auch mit den Händen erlebbar zu machen, nahm man bewusst in Kauf, dass durch die Neugier der Betrachter auch mal etwas kaputt geht und repariert werden muss. Das junge Publikum dankt es mit Aufmerksamkeit und geht behutsam mit den Schätzen um. Wer sein Gegenüber respektiert und ernst nimmt, wird selber respektiert. Was in den Schulhöfen oder auf den Straßen gilt, funktioniert auch im Museum.

Die analoge Themendarstellung, die für den ersten, den historischen Teil der Ausstellung gewählt wurde, steht in einem positiven Spannungsverhältnis zu der sehr immateriell anmutenden, digitalen Darstellung im zweiten Teil. Hier geht es um die Technologien der Gegenwart und Zukunft. Das Publikum nimmt beides gleichermaßen an, weil Inhalte und Darstellungstechniken zu einander passen und authentisch sind. Mehr noch, sie verstärken sich gegenseitig in ihrer Wirkung. Wer eben noch seine Fingerspitzen über die erhabenen Buchstaben des Zeigertelegrafen hat gleiten lassen, für den ist es umso beeindruckender, wie eine Ebene höher der 3D-Scanner sein Gesicht abtastet.

Digitale Technik gehört heute fast in allen Museen dazu, aber die Ausstellung Milestones zeigt: Man muss sich der Jugend nicht mit digitalen Multimedia-Spielereien anbiedern. Gerade für junge Leute haben analoge Kommunikationstechniken enorme Anziehungskraft.