Milla & Partner Press Milla & Partner Press http://www.milla.de/ en Contao Open Source CMS Stuttgarter Nachrichten: Trabi mit Toblerone
In allen Größen und Formen säumen sie die Landstraßen. Ist es Einbildung, oder nimmt die Dichte der Wohnmobile tatsächlich zu, je näher man Bad Waldsee kommt? In der Tat liegt das mobile Reisen mit Hausstand im Trend. Der uralte Traum der Menschheit vom Unterwegssein und unabhängigen Reisen wird im neuen Hymer-Museum dokumentiert. Schon von weitem ist das Museumsgebäude auszumachen: mit leuchtend rotem Rahmen, unverkennbar in der Form eines Caravan-Fensters gebaut. Ein überdimensionales Schaufenster in der Landschaft, das durch seine riesigen Glasflächen Einblick in die Ausstellung gewährt.

Das rund 10 000 Quadratmeter große Gebäude versteht sich als Museum für Kulturgeschichte und Technik. Konzept und Design der Ausstellung stammen von der Stuttgarter Kommunikationsagentur Milla & Partner. Johannes Milla hat kürzlich auch mit einem in unserer Zeitung veröffentlichten Vorschlag zur Umgestaltung des Neuen Schlosses für Aufsehen gesorgt.

Dem Besucher eröffnet das Hymer-Museum eine Erlebniswelt, die das Wie, Wohin und Warum des mobilen Reisens zum Inhalt hat. 'Camping ist eigentlich nichts anderes als den kompletten Hausstand ins Auto verladen und verreisen', meint ein Besucher.

Wie sich Sack und Pack am besten verstauen lässt, kann man an mehr als 80 historischen Fahrzeugen und Gespannen begutachten, darunter erste Prototypen wie der 'Ur-Troll', gebaut 1957 von Firmengründer und Stifter Erwin Hymer.

Der Besucher wird auf farbig markierten Traumstraßen zu insgesamt acht Sehnsuchtsorten geführt, die jeweils eine Epoche der Zeit des mobilen Reisens symbolisieren. Den Auftakt bildet die grüne Traumstraße, symbolisch für die ersten Autowanderer der 1930er Jahre, die das Abenteuer Alpenüberquerung lockte. Da ächzten und stöhnten die Motoren, krochen die Fahrzeuge im Schneckentempo die steilen Passstraßen himmelwärts, im Schlepptau eine Einzelzelle auf Rädern, die Urform des heutigen Wohnwagens. 'Wenn wir eine Nacht draußen unter dem freien Himmel im Zelt nächtigen, uns bei Sonnenaufgang den Kaffee selbst kochen und die Zähne im Bach spülen, dann sind wir moderne Zigeuner', so beschrieb der bekannte damalige Reisejournalist Theo Rockenfeller den Zeitgeist dieser Tage, als das Campen noch Wohnwagenwandern hieß. Es war die Zeit von so manch skurrilem Gefährt, dem Sportberger G2 etwa, einer Mischform aus Nutz- und Wohnwagen, der an heutige Hundeanhänger erinnert, damals bekannt als 'Schäferkarren'.

Die, die über das nötige Kleingeld verfügten, verreisten nobel im Borgward Isabella Coupé von 1960 mit dem Luxus-Anhänger Dethleffs Nomad, weniger Betuchte fanden im Ferrari-roten Fiat mit dem Laika-500- Anhänger den passenden Reisegefährten.

Orange markiert den Sehnsuchtsort Indien. Zu Tausenden pilgerten die Blumenkinder und Hippies während der 60er Jahre ins ferne Asien. Ihr Markenzeichen: der kultige VW-Bus, kunstvoll mit psychedelischen Mustern verziert. Ohne GPS, Handy oder Internet - Reisen war damals eine existenzielle Erfahrung auf der Suche nach spiritueller Erleuchtung und sich selbst.

Auch DDR-Bürger entdeckten das Campen als Ausdruck von Individualität und reisten an die Ostsee. Für alle, die sich keinen Wohnanhänger leisten konnten, gab es die 'Villa Sachsenruh', ein spartanisches Autozeltdach, das auf dem Dach des Trabant befestigt wurde. Mit der schokobraunen Zeltplane ähnelt es einem überdimensionalen Stück Schweizer Toblerone-Schokolade.

Entlang der Traumstraße, die von den Alpen nach Italien, Indien, an die Ostsee, in die marokkanische Wüste und zur legendären Route 66 in den USA führt, stehen die ausgefallenen Fahrzeuge: historische Automobile, Reisemobile und Caravans. Liebevoll restauriert und dekoriert wirken sie so lebendig, als wären die Urlauber nur kurz hinausgegangen.

Jeder der acht Sehnsuchtsorte lässt sich mit allen Sinnen erfahren. Im indischen Tempel steht der Kult-VW-Bus, im marokkanischen Zelt erlebt der Besucher auf der Leinwand das geschäftige Treiben des Basars, als wäre er live dabei. Im Wigwam der Nordamerika-Route sitzt man auf Sätteln, die täuschend echt den Trab eines Pferdes simulieren. In der eisblauen Pudelmütze des Sehnsuchtsortes Skandinavien bleibt der Besucher im warmen Caravan, während er durch ein Fenster auf die vereiste Polarlandschaft sieht, in der im Wechsel Polarlichter, Sturm, Wolken und Sonne erscheinen.

Das Museum präsentiert sich mit einem rundum gelungenen Konzept, an dem die ganze Familie Freude hat. Kinder wie auch Erwachsene finden viel Platz zum Ausprobieren und Entdecken. Fotostationen laden dazu ein, sich vor großer Kulisse mit witzigen Accessoires auszustatten und sich selbst zu fotografieren. Die Fotos können als Postkarte erworben oder später im Internet her-untergeladen werden. Als Highlight zum Abschluss lassen sich die Fotos im Globusraum mit seinen dreidimensional im Raum schwebenden Weltkugeln mit Touchscreen aktivieren und anzeigen. So erleben die Besucher ihre ­eigene Weltreise.

Der Besuch ist zu Ende, das Reisefieber ist geweckt. Am liebsten möchte man sofort aufbrechen.

Von Birgit-Cathrin Duval
aus Bad Waldsee
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http://www.milla.de/press-article/items/49.html Fri, 27 Apr 12 00:00:00 +0200 http://www.milla.de/press-article/items/49.html
Stuttgarter Nachrichten: Bürgerschloss soll kein Luftschloss sein
Noch muss der Hausmeister nicht anrücken und die Schilder 'Finanzministerium' und 'Kultusministerium' am Neuen Schloss in Stuttgart abschrauben. Aber die Idee von Kommunikationsgestalter Johannes Milla, die Politik und die Beamten aus dem Neuen Schloss zu vertreiben und stattdessen daraus ein Bürgerschloss mit vielen Attraktionen zu machen, hat am Mittwoch zahlreiche Reaktionen in der Landespolitik hervorgerufen.

In der Villa Reitzenstein ist Millas 'interessante Ideenskizze positiv zur Kenntnis genommen worden', sagt Arne Braun, Sprecher der Landesregierung. Der Umzug des Staatsministeriums selbst in den Planieflügel des Neuen Schlosses sei allerdings wegen der Sicherheitsanforderungen nicht finanzierbar. Anfang Mai werde Milla zum Staatssekretär im Staatsministerium, Klaus-Peter Murawski (Grüne), kommen und seinen Vorschlag vorstellen. 'Wir prüfen, was von den Elementen dieser Ideenskizze im Neuen Schloss oder unter Umständen in anderen Liegenschaften realisierbar wäre', sagte Braun. Bisher sei geplant, im Planieflügel das Wirtschaftsministerium einzuquartieren.

Einen Umzug des Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann (Grüne) von der Villa Reitzenstein ins Neue Schloss, wie Milla ihn sich wünscht, wird es allerdings zumindest vorerst nicht geben. Nach Informationen unserer Zeitung wird das Staatsministerium noch in dieser Woche den Vertrag für ein anderes Domizil unterschreiben. Weil der bisherige Regierungssitz energetisch saniert werden muss, werden Kretschmann und seine Mitarbeiter im Frühjahr 2013 in die unmittelbare Nachbarschaft umziehen. Das sogenannte Clay-Haus ist bis vor kurzem von der US-Armee genutzt worden. Das nach dem Militärgouverneur Lucius D. Clay benannte Anwesen wurde zuletzt von General William E. Ward bewohnt und ist unlängst an die Bundesrepublik zurückgegeben worden.

Ob dort alle Mitarbeiter unterkommen, ist noch offen. Deshalb wird offenbar an zusätzliche Container gedacht. Auch die Sanierung der Villa Reitzenstein gilt als kompliziert. Ein asbestverseuchtes Nebengebäude soll abgerissen werden. Dort braucht man danach eine andere Lösung. Ob die sich so einfach durch einen Neubau finden lässt, ist offen, weil in dem Gebiet auch für Regierungssitze strenge Bauvorschriften gelten.

Doch auch ohne Kretschmann findet das Bürgerschloss Zustimmung. Landtagspräsident Guido Wolf (CDU) sagt, er fühle sich durch die Idee von Milla bestätigt, denn die Politik müsse näher zu den Bürgern kommen. Auch wenn der Milla-Entwurf in absehbarer Zeit 'finanziell nicht machbar' sei, habe das Projekt einen großen Charme. Damit könne man 'einem Regierungsviertel ein Bürgerviertel gegenüberstellen', sagte Wolf und bekräftigte seinen Plan, unabhängig von einer möglichen anderen Nutzung des Neuen Schlosses zwischen Landtag und Oper schon bald ein Besucher- und Medienzentrum des Parlaments bauen zu lassen.

Etwas zurückhaltender äußert sich Landtags-Vizepräsident Wolfgang Drexler (SPD). Angesichts der bevorstehenden Umbauarbeiten im Landtag müsse das Neue Schloss in den nächsten Jahren erst einmal vom Parlament genutzt werden. 'Vor 2015 kann man also nicht über eine ganz andere Nutzung des Neuen Schlosses nachdenken', so Drexler. Bei einer möglichen Umsetzung der Milla-Ideen sei nun die Stadt gefordert. 'Bis 2015 gibt es dafür einige Zeit zur Diskussion.'

CDU-Landtags-Fraktionschef Peter Hauk sagt, er finde die Ideen des Planers 'grundsätzlich gut', die CDU sei schon bisher stets 'für bürgernahe Politik' gewesen. Da aber sogar Ministerpräsident Kretschmann seine 'Pläne verworfen hat, in die Stadt zu ziehen und Superminister Schmid noch nicht mal gewillt ist, das Schloss ganz dem Parlament zu überlassen, nehmen wir mal an, dass es bei den guten und interessanten Plänen des Architekten bleiben wird'.

Muhterem Aras von den Landtags-Grünen ist voll des Lobes über Millas Visionen: 'Ich finde die Idee sehr gut, das ist einer der schönsten Plätze in der Stadt.' Es sei schade, dass das Areal bisher den Bürgern nicht zur Verfügung stehe und die Autos im Innenhof parken dürften. Sie unterstütze deshalb die Suche nach einer neuen Nutzung. Ingo Rust (SPD), Staatssekretär im Wirtschafts- und Finanzministerium, zeigt sich hingegen skeptisch: 'Unser Schloss sieht von außen schöner aus als von innen - das meiste ist Stahlbetonbau. Das alles umzubauen, würde sehr teuer.' FDP-Landtagsfraktionschef Hans-Ulrich-Rülke bekräftigt, seine Priorität sei es, 'dass der Landtag in das Schloss kommt. Das will der Finanzminister aber nicht, weil er selber Schlossherr bleiben will. Da wäre mir die Bürgerschaft doch lieber.'

Von Frank Krause, Jürgen Bock und Maria Wetzel ]]>
http://www.milla.de/press-article/items/48.html Thu, 19 Apr 12 00:00:00 +0200 http://www.milla.de/press-article/items/48.html
Stuttgarter Nachrichten: Das neue Bürgerschloss Am Neuen Schloss gar nichts. Mich stört aber, wie das Gebäude genutzt wird. Es ist die räumliche, visuelle und historische Mitte Stuttgarts wie auch Baden-Württembergs. Tausende von Menschen kommen daran vorbei, überall ist das Neue Schloss abgebildet – aber es ist öffentlich nicht zugänglich. In das Herz des Landes kann man nicht rein. Das ist so absurd wie ungewollt symbolisch.

Wer soll nun ins Neue Schloss hineindürfen und warum? Was soll darin geschehen?
Aus dem Neuen Schloss soll „das Neue Bürgerschloss“ werden: Ein Ort, in dem internationale oder regionale Besucher oder Stuttgarter erfassen können: Hier ist Baden-Württemberg. Ein Ort der Vergewisserung und des Auffindens von Identität. Wenn Sie so wollen: ein Ort der Heimat. Aber auch ein Ort der politischen Bildung und des Bewusstseins. Hier ist die Verfassung des Landes ausgestellt und erläutert: Rechte, Grundrechte und Pflichten der Menschen. Es geht um Gemeinsinn und Solidarität – auch mit Menschen, die noch nicht einen deutschen Pass haben. Es wird z.B. ein Politiklabor für Schulklassen geben. Es soll aber auch Orte der Begegnung von Bürgern und Politikern geben – eine Schimpfecke und eine interaktive Tafel der Vorschläge. Symbolisch gesagt: Die Bürger schauen der Regierung bei der Arbeit zu und kontrollieren, ob auch geschafft wird. Zugegeben, eine zutiefst romantische Vision, aber genau deshalb notwendig.

Nur mit einem Treffpunkt für den Souverän und seine Vertreter füllt man das Schloss aber nicht mit Leben.
Nicht nur der Ministerpräsident zieht ins bauliche Herz des Landes, sondern auch das beste, neueste und spannendste aus den Bereichen Kunst, Musik, Forschung, Medien, Wirtschaft, Sport. Es entsteht ein Ort des Ideendialogs. Es wird Säle geben, wo die Menschen, z.B. Kreative, Studenten, Schüler, Azubis, Forscher aus allen Branchen und Gebieten des Landes, ihre Ideen, ihre Innovationen vorstellen – oder auch einfach eine große türkische oder griechische Hochzeit gefeiert wird. Es wird Werkstätten, Ateliers, Proberäume, Studios geben. Es geht um ständigen Wandel, alles soll sich immer wieder verändern. So wie das Land und dessen Menschen.

Wird das Schloss durchlässiger?
Im Moment wirkt das Schloss wie ein unüberwindlicher Riegel. Man wird vom Oberen Schlossgarten zum Karlsplatz die Schlossflügel durchqueren können, und vom Ehrenhof hinüber direkt zum Landtag und dem Wilhelmspalais mit dem zukünftigen Stadtmuseum gehen.

Was schwebt Ihnen für den Ehrenhof vor, der abgesehen von gelegentlichen Konzerten als Parkplatz für Beamte vor sich hindämmert?
Wenn Autos und Absperrungen weg sind, und das Schloss geöffnet und durchlässig ist, wird sich der Ehrenhof von selbst mit Leben füllen. Ein paar Veranstaltungen könnten stattfinden – im Sommer könnte dort eine lange Tafel stehen, mit 44 Abschnitten, für jeden Landkreis einer. Oder ein Tanz in den Mai. Und im Winter dient der Ehrenhof als endlich schöne und würdige Eisbahn – ohne hässliche Buden, ohne Deko und Musik.

Vieles davon bietet die Innenstadt heute schon, Stichwort Sommerfest, Stichwort, Weindorf, Stichwort Einkaufnächte.
Ich bitte Sie! Das Schloss soll keine kommerzielle oder werbliche Eventisierung erfahren, darunter leidet der Schlossplatz schon mehr als genug.

Im Neuen Schloss sind das Finanz- und bald – nach dem Auszug des Kultusministeriums – das Wirtschaftsministerium des Landes untergebracht. Baden- Württemberg wird also – zu einem großen Teil – von hier aus regiert. Was ist daran schlecht, dass ein einstmals monarchischer Bau demokratisch genutzt wird?
Die nun schon 50 Jahre währende Aneignung des Schlosses durch Verwaltungsbeamte eines Ministeriums und deren Aktenordner ist keine demokratische Nutzung, sondern wurzelt in altem Privilegiendenken eines Behördenstaates. Klar möchte niemand, der einmal da drin ist, diese Büros in Bestlage und auch die Parkplätze hergeben. Doch die Beamten sind nicht Herren des Staates, sondern dessen Diener.

Der Versuch, das Schloss für alle zugänglich zu machen, ist bereits in den 1970er Jahren gescheitert. Warum sollte man sich jetzt für Ihre Idee erwärmen?
Die diversen Neubauten der Ministerien und deren derzeitige räumliche Umordnung und die geplanten Umzüge sind eine einmalige historische Chance, die Entscheidungen aus den 60er-Jahren zu korrigieren, das Schloss in weiten Teilen wieder öffentlich zugänglich zu machen und das Schloss zu einem Ort der Begegnung von Menschen (Bürgern und Touristen) mit diesem Lande und mit Politik zu machen. Und zu einem Ort, in dem man spüren und erleben kann: Hier ist Baden-Württemberg – nicht nur als Verwaltungsbegriff, sondern als lebendige Gemeinschaft.

Die grün-rote Landesregierung hat nach der Wahl vor gut einem Jahr mehr Bürgernähe versprochen. Mit Ihrer Idee wollen Sie Ministerpräsident Kretschmann jetzt beim Wort nehmen?
Sein Ansatz war richtig: Im 21. Jahrhundert gehört eine Regierung wieder mitten ins Volk, mitten in die Stadt, ins Schloss – das wäre das Geld wert, den für das Staatsministerium vorgesehenen Planieflügel sicherheitsgerecht umzubauen. Hier wurde aus Kostengründen zu schnell gekniffen. Aber diese arg schwäbische Fehlentscheidung ist sicher nicht unumkehrbar. Doch unser Ansatz geht weiter: Das Schloss soll allen Menschen offen stehen, für einen Ort der Begegnung von Politik mit Bürgern. Es soll hier nicht um die Vergangenheit des Bundeslandes gehen, die in der Nähe in zwei Museen bereits hervorragend dargestellt wird, sondern um dessen gelebte Gegenwart und um Zukunft.

Was wird aus den derzeitigen Nutzern?
Voraussetzung ist, dass der Schlossherr, der Finanz-und Wirtschaftsminister, bereit ist, sich zu Gunsten der Öffnung auf seinen engsten Stab im Schloss zu beschränken. Das sollte Nils Schmid angesichts seiner Bürgernähe und seines gesunden Pragmatismusses nicht schwer fallen. Er gibt den Menschen zum 60. Landesjubiläum das Schloss zurück – was für eine sozialdemokratische Geste!

Baden-Württemberg hat Ihrer Ansicht nach eine komplizierte Operation am Herzen nötig?
Ach, dem Land geht es ja gut. Wir stehen vielmehr vor einem Problem, das alle repräsentativen Demokratien Europas gleichermaßen betrifft: Die Entfremdung der Politik von den Wählern, und der allgemeine Eindruck, dass Politik nur noch über und für die Medien stattfindet. Mit der Folge, dass der Anteil der Nichtwähler mittlerweile regelmäßig höher ist als derjenige der stärksten Fraktion. Das ist gefährlich. Insofern geht es hier nicht nur um ein Baden-Württembergisches Thema, sondern um ein Projekt von internationaler Strahlkraft. Das Konzept ist keine Reaktion auf den Regierungswechsel, sondern weit über Legislaturperioden hinaus gedacht. Der Regierungswechsel und die bauliche Neuordnung der Verwaltungen hat lediglich das Fenster zur Jahrhundertchance „Neues Bürgerschloss“ geöffnet.

Das Attribut „Jahrhundertchance“ wird im Zusammenhang mit Großprojekten gerne bemüht. Sie sind Kommunikationsfachmann. Besteht nicht die Gefahr, dass viele Ihre Idee nur als weitere Werbemaßnahme für Baden-Württemberg und seine Landeshauptstadt deuten?
Imagekampagnen kommen und gehen. Hier geht es um eine dauerhafte Bürgerpartizipation, für die die Historie und Präsenz des Neuen Schlosses den Ort liefert und von der viele Generationen profitieren werden.

Wie hat man sich das ganze Projekt baulich vorzustellen?
Kurz zur Baugeschichte: Das Schloss brannte 1944 völlig aus. Der Marmorsaal, der Weiße Saal und die Treppenaufgänge wurden rekonstruiert, soweit es ging. Die Büros hingegen sind fürchterliche Einbauten aus den 60ern bis 80ern ohne jeden Denkmalwert. Es geht mitnichten darum, das Schloss zu rekonstruieren, sondern darum, die schlechten Büros auszuräumen, nichttragende Einbauten zu entfernen, und Luft und Licht und Menschen herein zu lassen, belebbare Säle und Räume zu schaffen, die gerne rau und informell sein können: Säle, die benutzbar und bespielbar sind, in denen man auch mal ein Loch in die Wand bohren kann, um mal in einem Symbol zu sprechen.

Auch ein Bürgerschloss gibt es nicht umsonst. Mit welchen Kosten müsste ein stets aufs Sparen bedachter Finanzminister rechnen?
Wir haben bisher keine Möglichkeit erhalten, Pläne einzusehen oder die Räume zu besichtigen. Wir wissen daher wenig über die genaue Bausubstanz. Aber unser Konzept kann und soll jetzt noch kein Architekturkonzept sein, sondern ein Nutzungs- und Inhaltskonzept. Trotzdem haben wir die Kosten im Auge: Erstens geht es keineswegs um eine Luxusrekonstruktion des Neuen Schlosses. Zweitens ist mit dem Auszug des Kultusministeriums ohnehin geplant, deren Büros zu renovieren – diese Mittel sind mit den Kosten des Neuen Bürgerschlosses gegenzurechnen. Und drittens, im Immobilieninvestorendeutsch gesagt: Die derzeitige und weiterhin geplante Nutzung dieser wunderschönen, zentral gelegenen, repräsentativen Immobilie als Bürogebäude ist eine Verschwendung von Steuergeldern. Das Neue Bürgerschloss hingegen rechnet sich. In Geld und in Werten.

Wer organisiert, was im Bürgerschloss passiert, und wie begeistern Sie die Bürger für Ihre Idee, ohne die geht es schließlich nicht?
Das Leben im Schloss soll aus dem Land und seinen Bürgern kommen und wird nicht von oben verordnet werden. Sicherlich muss das alles organisiert und kuratiert werden.

Wann kam Ihnen der Gedanke zum Bürgerschloss?
Uns von Milla & Partner treibt das Thema seit vier oder fünf Jahren um: Die Frage nach der Identität eines Bundeslandes – und ob man darauf Verantwortung, Gemeinsinn, Partizipation bauen kann. Demokratie ist mehr als alle vier Jahre ein Kreuzchen zu machen.

Nachdem Sie mit ihrem Entwurf „Bürger in Bewegung“ den Wettbewerb zum Einheitsdenkmal in Berlin gewonnen haben, geht der Bürger Milla nun in Stuttgart in die Offensive?
Das klingt mir zu pathetisch und zu personenbezogen. Wir haben die Idee in unserem Büro gemeinsam entwickelt. Wir gestalten von Stuttgart und Baden-Württemberg aus bundesweite und internationale kreative Projekte und sind uns dieses Standortes sehr bewusst. Jetzt wollen wir dem Land und der Stadt etwas zurückgeben. Uns ist das Neue Bürgerschloss ein wirkliches Anliegen.

Interview: Michael Deufel und Jörg Hamann ]]>
http://www.milla.de/press-article/items/46.html Wed, 18 Apr 12 00:00:00 +0200 http://www.milla.de/press-article/items/46.html
FAZ: Nimm mich mit, Caravan, auf die Reise: Das neue Hymer-Museum
Errichtet wurde der Neubau zugunsten der eindrucksvollen, mehr als zweihundert historische Fahrzeuge umfassenden Sammlung, die der Reisemobil- und Wohnwagenpionier und Unternehmensgründer Erwin Hymer zusammengetragen hat. Achtzig von ihnen werden nun ausgestellt. Das älteste Stück ist ein vor 150 Jahren entstandener Schäferwagen. Dem Methusalem folgen mehr oder weniger chronologisch die mobilen Wohnungen der frühen dreißiger Jahre, darunter der "Ur-Troll" der Wirtschaftswunderzeit, der VW-Bus, der in den siebziger Jahren für fernesüchtige Hippies ebenso unverzichtbar war wie für reiselustige mittelständische Kleinfamilien, die komfortablen Wohnmobile der achtziger Jahre, mit denen aus Urlaubern, die das Ungewohnte scheuten, oft genug Kolonisatoren auf Zeit wurden.

Als kulturhistorische Parade stehen die Vehikel entlang einer imaginären "Traumstraße", die über zwei Geschossebenen führt, und geben einen fast lückenlosen Überblick über diese Form des Reisens. Die unterschiedlichen Ziele, von den Ötztaler Alpen angefangen bis hin zum Lido, Rimini oder Venedig, werden kenntlich als Sehnsuchtsorte all derer, die seit langem mobiles Reisen, das heute sogenannte "Caravaning", als Zwitterform aus Abenteuer und Gewohnheit, Ferne und Balkonien einem stationären Pauschalurlaub vorziehen.

Hintergrund ist neben der kulturhistorischen Betrachtung die technologische Entwicklung des Wohnmobils, gepaart mit einer Darstellung der Firmengeschichte. Die Hymer AG ist Europas führender Hersteller von mobilen Freizeitfahrzeugen und als Marke mittlerweile Synonym für das mobile Reisen.

So staunenswert die Fahrzeuge, so erwartbar der Bau: Unverkennbar eine Architecture Parlante, lassen seine beiden tomatenrot umrahmten Fassaden sofort an riesige Wohnwagenfenster denken. Nicht anders die gerundeten Konturen des weißen Baukörpers - da bieten die Architekten der erwähnten Automobilmuseen sich mit ihren Kurven, Spiralen und aerodynamischen Schwüngen doch weitaus mehr. Auch was den Umgang mit der Umgebung angeht, fällt der Neubau zwar ins Auge, das aber unangenehm. Anders nämlich als die berühmten barocken Kirchen, Klöster und Schlösser, die ringsum die Kulturlandschaft prägen, indem sie sich perfekt in sie einschmiegen, wirkt das zwölf Millionen Euro teure Hymer-Museum wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Immerhin und trotz alledem: Hoher Aufmerksamkeitswert ist dem Bau des Architekten Joachim Liebel nicht abzusprechen. So darf man wohl getrost mit den prognostizierten 120 000 Besuchern pro Jahr rechnen.
TIMO JOHN

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http://www.milla.de/press-article/items/45.html Tue, 10 Jan 12 00:00:00 +0100 http://www.milla.de/press-article/items/45.html
FAZ: Auf Traumstraßen zu Sehnsuchtsorten
Sowohl die technische Entwicklung als auch den kulturhistorischen Hintergrund veranschaulicht ein einzigartiges neues Museum in Bad Waldsee. Dort, gegenüber dem Hymer-Reisemobilwerk, steht ein zweiteiliger Gebäudekomkomplex unübersehbar auf einem Hügel, er hat die Form eines liegenden und eines stehenden Wohnwagenfensters, was eingefleischte Caravaner schon von weitem erkennen. Das zweigeschossige, stehende Fenster mit den charakteristischen runden Ecken ist dank seiner riesigen Glasflächen so lichtdurchlässig, dass man schon von außen die Exponate in ihrem Umfeld sieht. Und von innen kann man bei gutem Wetter bis zu den Alpen gucken.

Die Urlaubsreise eines Caravaners beginnt mit dem Einräumen seines Fahrzeugs. Das kann dauern, weil ja so viel Zeug mit muss, und davon kann sich der Besucher im „Aufbruchtunnel“ schon mal einen multimedialen Eindruck verschaffen. Und dann geht es endlich auf Tour: mit dem VW Käfer oder Opel Kadett samt Anhänger über fünfzehnprozentige Alpenpässe nach Italien. Auf den Serpentinen in der Ausstellungshalle führt der Weg der ausgestellten Gespanne in genau solchen Steigungen ins Obergeschoss. Da wird sich mancher daran erinnern, dass seinerzeit oft das Kommando kam: Alles aussteigen und schieben!

Acht Sehnsuchtsorte kann man im Museum ansteuern, und wenn man sie erreicht, findet man sich in einer traumhaften Kulisse wieder, die alle Sinne anspricht. Im Zelt in der Form einer marokkanischen Mokka-Kanne kann man eintauchen in ein orientalisches Ambiente und sich in kurzen Filmen in die Wüste oder auf den Basar entführen lassen. Den Wigwam der amerikanischen Indianer betritt man durch einen Streifenvorhang aus duftendem Leder, man läuft auf gestampftem Lehmboden, sitzt auf Sätteln und kann einen Filmflug über den Grand Canyon erleben, projiziert auf ein gespanntes Kuhfell. Im indischen Ganesha-Tempel, beschallt mit entsprechender Musik, steht „der“ ausgebaute VW Bus, mit dem Tausende durch die Welt zigeunerten.

So entsteht an jedem Sehnsuchtsort eine authentische Umgebung, dekoriert mit meist originalem Zubehör. Das war oft noch in den Fahrzeugen enthalten, die man Erwin Hymer für seine Sammlung angeboten hat. Jahrzehntelang hat er sie irgendwo gelagert, bis vor zehn Jahren die Idee eines Museums konkretisiert wurde. Seit dem vorigen Wochenende ist es eröffnet, es zeigt 80 Exponate aus einem Fundus von 200. Sie stehen entlang der Traumstraßen, in die meisten kann man hineinschauen oder sogar hineingehen, man hat manchmal den Eindruck, der Besitzer könnte jeden Moment zurückkommen.

Es sind fast nur Originale, die in der Museumswerkstatt aufgearbeitet wurden. Nur wo das ursprüngliche Gefährt nicht mehr existiert, etwa das „Wohnauto“ von Dethleffs, 1931 der allererste Caravan in Deutschland, wird ein Nachbau ausgestellt. Die englischen Globetrotter waren noch früher unterwegs, im Car Cruiser von 1932 gab es sogar schon einen kleinen eingebauten Toiletten-Eimer. Was den unbefangenen Besucher stark beeindruckt, sind die Phantasie und der technische Einfallsreichtum der Camper aus der ehemaligen DDR, die mit ihrem Sehnsuchtsort „Ostsee“ vertreten sind. Man steht staunend vor Gefährten, die aussehen wie Flugzeugrümpfe oder Boote, mit Hubdächern und absenkbarem Fußboden. Die Besucher können sich an vielen Stellen selbst in Szene setzen, auch Kinder haben einiges zu tun, und am Ende darf man das Ergebnis seiner Aktivitäten mit nach Hause
nehmen. Aber wir wollen hier nicht alles verraten.
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http://www.milla.de/press-article/items/41.html Sun, 06 Nov 11 00:00:00 +0100 http://www.milla.de/press-article/items/41.html
PAGE 12/11: Interaktive Exponate ermöglichen neue Erzählweisen
Wir entwickeln vor allem innovative Schnittstellen und Interaktionen, erforschen Neue Medien und Kommunikationsformate. Wir sind konzeptionell und beratend in den Workflow aller Abteilungen der Agentur eingebunden. Etwa die Hälfte der Zeit kümmern wir uns um freie Forschungsprojekte, die noch nicht mit einem konkreten Auftrag verknüpft sind.

Womit beschäftigen Sie sich momentan im Innovationslabor?

Hauptsächlich geht es um sinnliche Reisen durch reale und virtuelle Räume, in denen wir das Vernetzen und Verschränken aller Genres und Kunstformen, aller Technologien und interaktiven Medien üben, und dabei die Besucher aktiv einbinden. Ein wichtiger Aspekt ist hier die Medienkonvergenz, also die Möglichkeit, Inhalte auf verschiedenen Plattformen – etwa in Projektionen, im Internet oder auf Mobile Devices – auszuspielen. Da ist ein effizientes Content Management gefragt, das für leichte Aktualisierbarkeit sorgt. Bedeutend für unsere Arbeit sind die Fortschritte auf dem Gebiet der Sensorik. Z.B. eröffnen Sensoren wie die Kinect, die auf Licht und Bewegung reagieren, ganz neue Interaktionsmöglichkeiten. Aus Sicht des Anwenders sorgen sie quasi für eine Dematerialisierung von Eingabegeräten, können die Grenzen zwischen realen und digitalen Räumen auflösen.
Zusammen mit dem Heinrich-Hertz-Institut haben wir verschiedene Formen der berührungsfreien Gestensteuerung entwickelt, zum Beispiel für ein Spiel im Deutschen Pavillon auf der Expo 2010 in Shanghai. Indem der Spieler ohne Berührung der Oberflächen auf Objekte deutete und interagierte, führte er für die anderen Besucher verblüffende Bewegungen vor. Noch sind die User in der Gestensteuerung unerfahren, aber vielleicht werden sich schon bald allgemein übliche Gesten herausbilden. Niemals entwickeln wir die Technik isoliert, sondern immer ausgehend von konzeptionellen Fragen: Welche Information ist wichtig? Welche Erwartungen und Bedürfnisse hat der Besucher? Kommt er alleine oder in Gruppen? Bewegt er sich frei oder geführt? Welcher Dramaturgie folgt die Inszenierung von Exponaten und Räumen?

Gibt es bei der gestischen Kommunikation eigentlich Unterschiede zwischen China und Deutschland?

Ja. Zum Beispiel haben wir bestimmte Gesten außen vor gelassen, weil sie in China abfällig wirken. Ein weiteres Beispiel ist das Balance-Spiel, bei dem die Besucher über das Drehen und Neigen einer Platte mit QR-Marker eine Kugel durch das digitale Stadtmodell von Berlin rollen ließen. Weil wir wussten, dass Chinesen gern gemeinsam spielen, haben wir eine besonders große Steuerungsplatte verwendet, die mehrere Personen bedienen können.

Was können interaktive im Gegensatz zu herkömmlichen Exponaten leisten?

Sie können den Besucher aktivieren, können ihn dazu verführen, sich mit einem Thema auseinander zu setzen, Interesse wecken.
Interaktive Exponate machen es leicht, verschiedene Informationsebenen anzubieten. Der Nutzer kann damit so weit in die Materie einsteigen, wie er es in der aktuellen Situation wünscht. Das ist besonders bei heterogenen Zielgruppen gefragt.
Zudem ermöglichen interaktive Exponate neue Erzählweisen, die den Besucher in eine Geschichte hineinziehen. Zum Beispiel können wir historische Exponate subtil und atmosphärisch zum Leben erwecken, indem wir sie mit überraschenden Infos, Klängen und Bildern erweitern. Durch Partizipation der Besucher können wir ein hohes Maß an Immersion erreichen, ein ganzheitliches Eintauchen in die Thematik.

Welche Rolle spielt bei Ihnen das Prototyping?

Wir arbeiten viel mit Testaufbauten, die wir in unserer hauseigenen Werkstatt produzieren. Das Prototyping ist ein unerlässlicher Schritt, um im Gestaltungsprozess Funktions- und Interaktionsprinzipien zu untersuchen und zu überprüfen. Prototypen sind Demo-Filmen oder Powerpoint-Präsentationen weit überlegen, denn sie machen interaktive Konzepte direkt erfahrbar – nicht zuletzt für die Kunden. Manchmal scheuen Auftraggeber das scheinbare Risiko, das innovativen Konzepten anhaftet. Ein funktionierender Prototyp oder ein Mock-Up leistet da beste Überzeugungsarbeit.

Und wie geht die Entwicklung interaktiver Medien weiter?

Der nächste Schritt sind Konzepte für die Interaktion im öffentlichen Raum und dessen gemeinsame oder individuelle Gestaltung. Sensoren und Schnittstellen, die dafür sorgen, dass sich die Umgebung an die Bedürfnisse der Bewohner anpasst, wie Leitsysteme oder die Beleuchtung am Abend. So können sich Bürger via Internet oder Smartphone einen personalisierten „öffentlichen“ Raum gestalten. Digitale Interaktion wird immer häufiger in der realen Welt stattfinden. Das passiert schon heute – etwa in Street Galleries in denen Kunstwerke über getaggte Häuserwände auf dem mobilen Display sichtbar werden – Augmented Street-Art.
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http://www.milla.de/press-article/items/44.html Sat, 15 Oct 11 00:00:00 +0200 http://www.milla.de/press-article/items/44.html
PAGE 07/11: Brennpunkt
Der Deutschen Einheit wird ein Denkmal gebaut und das Feuilleton ist außer sich. Die Elfenbein-Federn konstatieren Katerstimmung und allgemeinen Blues, dem Deutschland nun anheimgefallen sei. Sicherheitshalber gibt die „Süddeutsche Zeitung“ den Denkmal-Erfindern noch ein paar auf die Mütze und drischt auf die Jury ein.

Im deutschen Art Directors Club hat man für Arbeiten dieser Art die Kategorie Kommunikation im Raum. Das hat sich international durchgesetzt, ist allerdings relativ neu und wird von den Hochsitzen der Kulturredaktionen noch nicht wahrgenommen. Hier wird ein Bauwerk nicht danach beurteilt, ob es den Regen abhält oder 50 000 Menschen fasst, sondern danach, was es einem Betrachter sagt. Was es auszulösen vermag, beispielsweise Einsicht, Erkenntnis, Emotion.

Das geplante Denkmal ist eine große Waagschale. Einfacher kann man Demokratie nicht erklären. Zu einfach? Gemein und verführerisch springt da der Kalauer „Hüpfburg“ auf den „SZ“ Schreibtisch. Reflexartig eilen die Kollegen von „ZEIT“, Spiegel Online und Co herbei und springen auf dem Denkmal-Entwurf herum. „Mitmachskulptur“ empört sich die „ZEIT“. Das ist ja grauenhaft. Die Vorstellung, dass da der Plebs mitmachen kann. Dass zwei Busladungen Rodgauer Schüler wirklich auf dieser Demokratieschaukel rumlaufen, mit den Füßen abstimmen und wenigstens eine Erkenntnis von ihrem Hauptstadtbesuch mitnehmen. Die “Neue Zürcher Zeitung“ formuliert: „Animierende Freizeitgestaltung in Denkmalform“. Sollen Denkmäler denn nicht animieren? Oder sollte das Animieren nicht in der Freizeit, sondern im Hauptberuf passieren? Liegt da vielleicht das grundsätzliche Missverständnis? Was darf ein Denkmal?

Zurück auf die Hüpfburg. So eine macht zweifelsfrei Spaß. Was ist verkehrt daran, wenn Begreifen Spaß macht? Selbst wenn es sich um dieses anscheinend heilige, spaßbefreite Thema der Deutschen Einheit dreht. Millionen auf der Straße? Freudentränen? Tänze auf der Berliner Mauer? Alles lediglich Oberfläche! Her mit Waschbeton und schweren Quadern. Es hat sich ausgelacht.
Argumente? Weshalb? Es reicht ja, wenn man auf die Erfinder verweist oder nach ihnen tritt. Eine Firma, die laut „SZ“ für „allerlei eventbedürftige Player“ arbeitet (von Milla & Partner ist zum Beispiel der deutsche Pavillon in Shanghai), und die Choreographin, die „ein Event für sich“ ist. Vielen Dank für die Informationen.

Das geplante Denkmal ist ein cleverer, fröhlicher Denkanstoß. Ja, auch für Menschen, die man erst einmal anstoßen muss, bevor sie denken. Wer diese Schüssel einmal in Bewegung gesetzt hat, wird den Moment lange nicht vergessen. Weil er Emotionen erlebt hat. Sehr verdächtig.

Hans-Peter Albrecht

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http://www.milla.de/press-article/items/42.html Tue, 07 Jun 11 00:00:00 +0200 http://www.milla.de/press-article/items/42.html
Stuttgarter Nachrichten, 28.05.2011: Mann mit Weitblick
Johannes Milla ist derzeit auf der Überholspur unterwegs. Mit seiner Agentur im Heusteigviertel gewinnt er an Preisen, was zu gewinnen ist. Und er entwirft gemeinsam mit Choreografin Sasha Waltz das nationale Freiheits- und Einheitsdenkmal in Berlin. Bei einem solchen Tempo kann es passieren, dass man auch mal beinahe übers Ziel hinausschießt. Zum Redaktionsgespräch kommt Milla leicht verspätet ins Pressehaus. Fast wäre er aus alter Gewohnheit auf der B 27 an Möhringen vorbeigebraust Richtung Kirchentellinsfurter Baggersee. "Dort kann man auch mal einen Kilometer geradeaus schwimmen", entschuldigt er sich lächelnd, "ich habe halt schon ans Anbaden gedacht."

Nicht nur im Wasser ist der 50-Jährige in seinem Element. "Kommunikation im Raum" nennt er das, was er in seiner Agentur praktiziert, und dieses Motto füllt er mit Leben. Milla rutscht auf dem Stuhl hin- und her, breitet die Arme aus, zeichnet Skizzen auf Zeitungen. Dann wieder lehnt er sich kurz zurück und legt die Stirn in Falten, um nachzudenken. Die Worte kommen wohlüberlegt.
Etwa, wenn er von Teamarbeit spricht. Dass sein Name in dieser Geschichte bisher schon ein halbes Dutzend mal gefallen ist, dürfte Milla nicht recht sein. Zwar firmiert die Agentur unter seinem Nachnamen, doch der Geschäftsführer verweist darauf, dass Mitgründer Peter Redlin und sieben weitere Partner dazu gehören. "Ich sehe mich als Teil von 45 Menschen, die bei uns arbeiten", sagt er.

Drei davon werden in den nächsten Monaten mit dem Einheitsdenkmal beschäftigt sein. Ein guter Teil der Arbeit ist freilich schon für den Wettbewerb investiert worden. Über 200 Arbeitstage sind in das Projekt geflossen, diverse Partner haben fast noch einmal so viel beigesteuert, bis sich die Stuttgarter gegen 380 andere Bewerber durchgesetzt hatten. "Ein solcher Wettbewerb ist ein echtes unternehmerisches Risiko", weiß Milla. Deshalb müsse man vorher genau die Chancen abwägen. "Wir machen nur bei jedem sechsten oder siebten mit, zu dem wir eingeladen werden", sagt der Agenturchef. Und trotz all der Erfolge könne man vorher nie wissen, wie es ausgeht: "Manchmal gibt es für uns auch Niederlagen, die uns schmerzen."

Da ist es gut, wenn das Alltagsgeschäft auf ganz anderen, soliden Füßen steht. "Manche Anrufer fragen inzwischen, ob wir überhaupt noch Zeit für sie hätten", sagt Milla, "aber natürlich haben wir die!" 70 Prozent der Arbeit sei ohne jede Öffentlichkeit. Die Gestaltung von Messeständen, Museen und Besucherzentren, Firmenaufträge und Veranstaltungen, davon lebt die inzwischen international bekannte Kreativzentrale nach wie vor. "So sehr uns die öffentliche Aufmerksamkeit freut - sie spiegelt nicht den Alltag wieder", sagt Milla.

Die große Öffentlichkeit muss auch nicht immer wohlgesonnen sein. Am Entwurf für das Einheitsdenkmal, einer 55 Meter breiten Schale, die von Besuchern bewegt werden kann, gab es auch harsche Kritik. Von "Vergnügungsparkarchitektur" ist die Rede gewesen oder gar von einer "Obstschale". "Die deutsche Einheit geht uns alle an", erläutert Milla das Konzept, "das Denkmal ist deshalb nur komplett mit den Menschen, die gemeinsam etwas bewegen. Und die es von Tag zu Tag neu interpretieren und durch ihre Präsenz neu gestalten." Das Monument solle besonders die Leute ehren, die zur Zeit des Umbruchs ihr Leben riskiert hätten, und die so gewonnene Freiheit und Einheit feiern. "Aber vielleicht", mutmaßt der 50-Jährige, "hat man in Deutschland generell Probleme mit Denkmälern der Freude."

Dass die Stuttgarter Agentur daran beteiligt ist, macht die Mitarbeiter bei aller Bodenhaftung stolz. Dass Milla dabei vorneweg geht, ist alles andere als selbstverständlich für jemanden, der einstmals Theaterwissenschaft, Germanistik und Turkologie studiert hat. Durch die Arbeit an verschiedenen Münchner Theatern geriet Milla eines Tages an den Auftrag, eine Modenschau auf einer Sportmesse zu organisieren. Es folgten immer mehr Engagements in den Bereichen Mode und Theater. "Irgendwann habe ich nicht mehr bemerkt, dass ich gar keine Zeit mehr zum Studieren hatte", sagt Milla und schmunzelt, "das war ein fließender Übergang." Heute nennt er sich Gestalter von Kommunikation im Raum oder Szenograf. Andere nennen ihn einfach einen kreativen Kopf.

Der denkt weit über Aufträge und Denkmale hinaus. Milla macht sich viele Gedanken über Stuttgart. Zwar sei das angeblich biedere Image der Stadt ein reines Selbstbild ihrer Bewohner, das er außerhalb kaum antreffe - aber dennoch fehle es an einem klaren Leitbild. "Stuttgart muss sich besinnen, was es sein will", sagt Milla. Er sehe drei "genetische Codes", die die Stadt prägten, aber vernachlässigt würden: Den historischen Ursprung des Stutengartens, das Mineralwasser, das kaum eine andere Stadt bieten könne, und die Hügel Stuttgarts.

Besonders die Topografie hat es Milla angetan. "Stuttgart ist die Stadt der Hügel und der Vertikalen", sagt er und lehnt sich weit nach vorn, "diese Lage ist sensationell, mit diesem Pfund muss man wuchern." Die Auffassung, die Stadt sei durch ihre Kessellage eingezwängt, sei ein fundamentaler Irrtum. "Stuttgarts einmalige Qualitäten entstehen durch die bergige Lage" - diese sei zu betonen, und nicht durch immer neue Tunnels zu bekämpfen, sagt Milla, "noch heute bekomme ich Gänsehaut, wenn ich die Weinsteige hinunter fahre. Stuttgart ist wirklich die schönste Stadt Deutschlands."

Deshalb würde der Kommunikationsspezialist gerne mehr Seilbahnen sehen, Downhill- und Longboardstrecken und mehr städtebauliche Betonung der Hanglagen. Die Kommunikation um den Tiefbahnhof von Stuttgart 21 sieht er kritisch: "Die Befürworter haben von Anfang an den Fehler gemacht, das Projekt rational zu begründen: mit Fahrzeiten, Städtebau, Umwelt, Bratislava, 5000 Bäumen und 10.000 Arbeitsplätzen." Diese Argumente seien seit der Schlichtung fragwürdig. Dabei seien sie als Begründung gar nicht nötig gewesen: "Stuttgart 21 war und ist ausschließlich als Imageprojekt gewollt und zu bewerten und ein Imageprojekt ist erst mal nicht abwegig". Auf dieser Basis wäre zu diskutieren gewesen.

Er lehnt sich zurück. "Stuttgart - weiter blicken", sagt er mit Nachdruck. Das sei sein Vorschlag für einen zur Stadt passenden Slogan. Schließlich sei sie sowohl von der Topografie, der innovativen Industrie als auch der zukunftsorienierten und interdisziplinären Denke her ein Ort der Weitsicht. Die Jury für das neue Stadtmarketinglogo, bei dem sich Milla & Partner auch in Kombination mit diesem Spruch beworben hatten, sah das nicht so und wird demnächst einen anderen Siegerkandidaten präsentieren.

Die Zeit verrinnt. Manches hat Milla noch auf dem Herzen. Er wird sich weiter zu Wort melden. Jetzt aber stehen die nächsten Termine an. Zum Anbaden wird es ihm heute nicht mehr reichen.

von Jürgen Bock
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http://www.milla.de/press-article/items/43.html Sat, 28 May 11 00:00:00 +0200 http://www.milla.de/press-article/items/43.html
The Guardian,19.04.2011: Giant, rocking Berlin dish will be unity monument
The monument to unity is called Citizens in Motion, and is apparently all about people coming together. If you want to make it move, you have to get a group together and all go in a particular direction. "That's what a peaceful revolution is about," said Johannes Milla, the Stuttgart architect who collaborated with Berlin's star choreographer, Sasha Waltz, on the unique design.

"The rest of the world's monuments are built to be looked at," said Milla. "With this concept, it's the people who'll make it into something. "Maybe they'll use it for theatre, or like Speaker's Corner, or skaters will use it. The people will make it their own." The asphalt bed of the monument will carry the slogans of the 1989 demonstrations: "Wir sind das Volk" (We are the people) and "Wir sind ein Volk" (We are one people).

Engravings on its steel belly will depict images of the revolution. It took 12 years and two public bids before Germany's culture minister finally approved the ¤10m (£8.76m) project, expected to take two to three years to build. The monument's home will be an east Berlin square in front of the soon to be reconstructed Berlin Palace, formerly home to the Prussian rulers, and demolished by the German Democratic Republic's communist regime. The square was also the site of the former GDR parliament, and 1 million people held a peaceful demonstration there just months before the fall of the wall.

Critics call it a gimmick, more like a playground for grown-ups than a sincere monument to history. The designers seem unfazed. After all, controversy dogged Berlin's Memorial to the Murdered Jews of Europe, a 2 hectare (5 acre) maze of pathways and stone columns, which has since attracted millions of visitors.

This is also a very different monument, according to Günter Nooke, a former civil rights activist and now a Christian Democrat MP, who grew up in the GDR. "We wanted a monument to joy, to express our happiness," said Nooke. "There were no victims of the peaceful revolution. There are other places in Berlin where you can remember the victims of the Berlin Wall. This is about celebrating the revolution and reunification."

Abby d´Arcy Hughes, Berlin
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http://www.milla.de/press-article/items/38.html Tue, 19 Apr 11 00:00:00 +0200 http://www.milla.de/press-article/items/38.html
Stuttgarter Zeitung, 14.04.2011: In der Waagschale der Demokratie
Das Einheitsdenkmal für Berlin kommt aus Stuttgart: Gestern Abend hat der Kulturausschuss des Deutschen Bundestages den Vorschlag des Kulturstaatsministers Bernd Neumann (CDU) gebilligt, mitten in der Hauptstadt am Rande des Schlossplatzes den Entwurf „Bürger in Bewegung” der Agentur Milla & Partner und der Choreografin Sasha Waltz zu realisieren. Nach über dreijähriger Debatte mit zum Teil durchaus burleskem, weil nicht immer zielfühendem Verlauf ist damit der künstlerische Wettbewerb um dieses Bauprojekt von staatstragendem Rang zum Abschluss gekommen. Es soll an die Bürgerrevolution in der DDR im Herbst 1989 und an die Vereinigung am 3. Oktober 1990 erinnern. Laut Experten ist ein Baubeginn jederzeit möglich; über die nötige Bauzeit herrscht Unklarheit.

„Uns kam es darauf an, ein Denkmal zu schaffen, das die Menschen nicht nur betrachten oder fotografieren, sondern bei dem sie aktiv und selbst zum Teil des Denkmals werden.” So erläuterte der Kommunikationsexperte Johannes Milla gegenüber der Stuttgarter Zeitung seinen Ansatz. Deswegen lebt die etwa 50 Meter lange, an beiden Seiten himmelwärts gebogene Metallschale des Entwurfs auch nicht nur von der Dynamik ihres Anblicks, sondern vor allem von der Bewegung ihrer Besucher: Das Denkmal ist begeh- und veränderbar. Je nachdem, ob und wie seine Gäste miteinander kommunizieren und ihren Standort wählen, wird sich die Schale hier heben und dort senken. So sollen die beiden Schlüsselsätze der friedlichen Revolution von 1989/90 lebendig werden, die in der Schale mittels Großbuchstaben zu lesen sind: „Wir sind das Volk. Wir sind ein Volk.”

In der Ausschussdebatte äußerten Vertreter der Grünen und der Linken nochmals grundsätzliche Bedenken - weniger gegen den Entwurf von Milla und Waltz, der sich in einer letzten Wettbewerbsrunde gegen Konzepte des Münchner Architekten Andreas Meck und des Bildhauers Stephan Balkenhol durchgesetzt hatte, sondern gegen das Verfahren. Während sich die Grünen zunächst noch einen längeren „gesellschaftlichen Diskurs” über das Denkmal wünschten, bevor endgültig entschieden wird, zweifelten die Linken grundsätzlich an, ob man „Freiheit” und „Einheit” so forsch miteinander verknüpfen dürfe. Beide Positionen blieben aber gestern in der Minderheit.

Immerhin sind so die beiden verschiedenen Ebenen skizziert, auf denen das Bauprojekt zu diskutieren ist. Die erste Frage lautet: Brauchen wir überhaupt ein Freiheits- und Einheitsdenkmal? Und sofern man diese Frage positiv entschieden hat, folgt Frage Nummer zwo: Braucht man speziell dieses Freiheits- und Einheitsdenkmal von Johannes Milla und Sasha Waltz?

Was das Grundsätzliche angeht, kann man auch weiterhin geteilter Meinung sein. Die Geschichte großer Nationalmonumente beginnt weit zurückliegend im neunzehnten Jahrhundert und endet nicht ohne Grund im zwanzigsten Jahrhundert mit all seinen Schrecken. Letzteres tut sie nicht nur, weil der Nationalstaat in Europa angesichts internationaler Bündnisse seine Deutungsmacht verliert, sondern vor allem, weil es im Grunde keine überzeugende Bilder- und Symbolsprache mehr für den Staat oder das Nationalvolk gibt.

Das macht im Übrigen sehr schön das Vorgängermonument auf dem Schlossplatz deutlich, das 1950 die DDR-Macht abtragen ließ: Als die Reichsregierung 1891 nach einem schlüssigen Symbol für ein Nationaldenkmal des Deutschen Reiches suchte, da war klar, das nur ein Reiterstandbild Kaiser Wilhelms I., also des offiziellen Reichsvereinigers von 1871, in Frage käme. Doch was kann 120 Jahre später im demokratischen Deutschland den Protest und die Revolution mutiger DDR-Bürger symbolisieren, wenn man nicht auf Flammen, Fahnen oder heroische Schriftzüge zurückgreifen will? Es hätte guten Grund gegeben, aus dieser ästhetischen Not heraus auf ein Nationaldenkmal in Berlin lieber zu verzichten - aber nun gut, der Deutsche Bundestag hat am 9. November 2007 anders entschieden, unter anderem auf Initiative früherer DDR-Bürgerrechtler hin.

Wenn man dieses Votum als gegeben nimmt, dann allerdings ist die Grundidee von Johannes Milla und Sasha Waltz bestechend. Sie haben sich entschlossen, ein Kunstwerk zu schaffen, das erst durch das Mittun der Passanten den Rang eines Denkmals erlangt. Im Laufe des Wettbewerbs gab es Bedenken, ob sich das Konzept einer begehbaren beweglichen Metallschale technisch realisieren lässt und den Kostenrahmen von 10 Millionen Euro einhält. Dies scheint von Experten bestätigt.

Wenn das Projekt „Bürger in Bewegung” gelingt, fügt es sich letztlich in der staatskunstpolitischen Dramaturgie der deutschen Hauptstadt ein neben dem rekonstruierten Reichstagsgebäude und dem Holocaust-Mahnmal. So wie das Schönste am Deutschen Bundestag ja zweifellos ist - baulich betrachtet -, dass die Bürger hoch über ihm in der gläsernen Reichstagskuppel von Norman Foster hinauf- und herunterspazieren können, so wird auch das knapp 20 000 Quadratmeter große Stelenfeld von Peter Eisenman zur Erinnerung an die Judenvernichtung in all seiner Monumentalität nur dadurch erträglich, dass es Tag für Tag von einer internationalen Flaneursgemeinde ganz unverkrampft mit urbanem Leben erfüllt wird.

Kunst bringt Bewegung, Bewegung bringt Nachdenken. Ob das auch beim Freiheits- und Einheitsdenkmal am Schlossplatz gelingen wird? Johannes Milla und Sasha Waltz haben dafür das Ihrige getan.

Von Tim Schleider

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http://www.milla.de/press-article/items/39.html Thu, 14 Apr 11 00:00:00 +0200 http://www.milla.de/press-article/items/39.html
Horizont 17.03.2011: Aus Liebe zur Technologie
Unter dem Dach des Stammsitzes hat Agenturgründer Johannes Milla ein Innovationslabor errichtet. Claudius Brodmann leitet die Unit, deren Ziel es ist, neue Medien und Kommunikationsformate zu erforschen. Dabei liegt der Fokus auf der Verbindung von Raum, Medien und Interaktion. Brodmann wird unterstützt von Mediendesigner Thomas Frenzel und Programmierer Ingo Wörner. Die kleine Mannschaft sei bereits jetzt sehr gut ausgelastet und soll personell weiter aufgestockt werden, sagt Milla.

„Als wir die Agentur vor 22 Jahren gegründet haben, war es eigentlich gar nicht unser Ziel, so auf Technologie fokussiert zu sein“, erinnert Milla. „Wir wollten in unserer Kreation frei von Auslastungsüberlegungen in einer Technikabteilung sein.“ Allerdings habe das Team in den vergangenen 15 Jahren gemeinsam mit Subunternehmern so viele Innovationen angestoßen, dass man es im Sinne der Wertschöpfungskette für klüger hält, solche Entwicklungen künftig inhouse zu realisieren. ADC-Mitglied Milla will sich mit der Bekanntgabe der neuen Unit offiziell als technologisches Innovationsunternehmen „outen“. Auf bisherige Erfindungen der Agentur angesprochen, verweist er auf Anwendungen, die heute aus dem Bereich Szenografie nicht mehr wegzudenken sind: programmiertes Kunstlicht und wandelnde Klänge beispielsweise, die 1995 bei der Automobilausstellung in Turin erstmals im Auftrag des Kunden Mercedes-Benz entwickelt wurden. Auch im Bereich Augmented Reality habe sein Team bereits experimentiert, als dieses Trendthema noch gar nicht existierte. So hat die Agentur für die Expo 2000 ein interaktives Fernrohr geschaffen, das es erlaubte, ein Bild der realen Umgebung durch die digital eingespielte Informationsebene zu erweitern.

Eine ganze Reihe von Innovationen sind voriges Jahr zur Expo in Shanghai entstanden. Hier hat das Team zusammen mit dem Architekturbüro Schmidhuber + Kaindl den Deutschen Pavillon zum Thema „balancity – eine Stadt im Gleichgewicht“ umgesetzt. Die dort präsentierten Exponate, die mittels intuitiver Gegensteuerung bedient werden konnten, erinnern an den Film „Minority Report“. Die in dem Blockbuster mit Tom Cruise dargestellten Requisiten galten 2002 als Prototypen für zukünftige Entwicklungen in der Informationstechnik. Heute finden sich solche Anwendungen zwar (noch) nicht im Alltag wieder, aber sie halten Einzug bei zukunftsweisenden Messen und Ausstellungen.

Trotz allen Fortschritts sieht der Agenturchef insbesondere im Bereich mobiler Informationssysteme in Verbindung mit permanenten und temporären Markenräumen noch immer „extremen“ Entwicklungsbedarf. Woran seine Innovationscrew in dem Segment tüftelt, will Milla nicht verraten, um die Wettbewerber nicht aufzuscheuchen. Aber einige Innovationen wird die Agentur im Laufe dieses Jahres sicherlich noch präsentieren – zum Beispiel im Erwin-Hymer-Museum, das im Sommer 2011 in Bad Waldsee eröffnen wird. Der Hersteller von Reisemobilen verspricht auf seiner Webseite „eine einzigartige Entdeckungstour durch Geschichte, Gegenwart und Zukunft des mobilen Reisens“ und hat Milla & Partner als „Reiseleiter“ engagiert. Dieser Auftrag, den die Agentur in einer Wettbewerbspräsentation Ende 2010 ergattern konnte, bietet gewiss Potenzial für ein weiteres preisgekröntes Beispiel in der Kategorie „Kommunikation im Raum“ – eine Sparte, die beim ADC Wettbewerb zu den größten Wachstumsbereichen gehört und in der Milla & Partner in schöner Regelmäßigkeit überzeugen kann.
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http://www.milla.de/press-article/items/37.html Thu, 17 Mar 11 00:00:00 +0100 http://www.milla.de/press-article/items/37.html
m+a report Jan/Feb 2011: Gewusst wo
Am schönsten ist es, wenn man den Weg findet, ohne ihn zu suchen. Ob Messestand, Event oder Ausstellung: Die Besucher sollen sich orientieren können, ohne es als aktive Anstrengung zu empfinden. Damit das funktioniert, machen sich kreative Gestalter im Vorfeld Gedanken, die nicht nur die gewünschten Ergebnisse, sondern auch noch Spaß bringen. Das ist der Fall, wenn Leute geführt und gleichzeitig integriert werden.

Zunächst einmal dürfte man jedoch Besucherführung und Besucherleitsystem nicht verwechseln, betont Johannes Milla, Kreativ-Direktor und Geschäftsführer von Milla & Partner, Agentur und Ateliers, Stuttgart. „Die beste Führung ist diejenige, die das Publikum gar nicht bemerkt, die gar kein Leitsystem braucht, weil sie rein intuitiv funktioniert. So wie man als Mitteleuropäer in jedem Dorf die Kirche findet, auch wenn sie nicht ausgeschildert ist, sogar wenn der Kirchturm nicht zu sehen ist.“

Der Begriff ‚Leitsystem‘ wurde oft im Sinne von Schildern und Farbcodierung verstanden, so Milla. Diese seien jedoch nur die Ultima Ratio. „Ein gutes Besucherleitsystem funktioniert auf den ersten Blick und bedarf keiner Erklärung. Es folgt einer unmissverständlichen, inneren Logik, die immer aus den Inhalten und der szenografischen Struktur folgt.

Die Agentur Uniplan mit Stammsitz in Köln weist auf die Wichtigkeit hin, dass eine Führung international verstanden wird. Gerade Fachmessen werden zumeist von vielen verschiedenen Nationalitäten besucht und alle wollen wissen, wo sie sind und wo sie das finden, was sie interessiert. Da die Wahrnehmung des Menschen begrenzt ist, müssen bei der Konzeption und der Gestaltung Aspekte wie der Informationsgehalt an sich und die optimale Verwendung von Text beziehungsweise Bild berücksichtigt werden, so die Agentur.

Das Thema Typografie und der daraus resultierende gezielte Einsatz von Schriftarten, -größen, -schnitten und so weiter bilden häufig den Schwerpunkt bei der Gestaltung von Leitsystemen. Hier spielt die Lesbarkeit und die Leserlichkeit eine große Rolle. So müsse der Rezipient auf Distanz, eventuell in Eile oder mit einer schweren Sehbehinderung mit der Gestaltung des Orientierungssystems zurechtkommen und dies intuitiv nutzen können. Auch allgemein verständliche Piktogramme spielen eine bedeutende Rolle und seien seit den Olympischen Sommerspielen 1972 (gestaltet durch Otl Aicher) nicht mehr wegzudenken.

Darüber hinaus stiften Leitsysteme aber auch Identität – in besten Fall für die Organisation oder das Gebäude, in dem sie eingesetzt werden. Uniplan: „Leitsysteme werden dann so gestaltet, dass sie einen Rückschluss auf die Organisation oder aber das Gebäude zulassen. Die strengen Anforderungen, wie sie an öffentlichen Plätzen wie Flughäfen herrschen, spielen in kleineren oder privaten Bereichen eine geringere Rolle und eröffnen die Möglichkeit zu einer spielerischen Gestaltung, die sowohl Besucher als auch Mitarbeiter ansprechen soll.“

Auf Messen verlagert sich die Bedeutung von Leitsystemen ein wenig. „In erster Linie erfolgt hier die Besucherführung über die Architektur im Zusammenspiel mit der grafischen Gestaltung“, ist aus dem Hause Uniplan zu erfahren. „Kommt es zum Einsatz von Leitsystemen, sind sie quasi die Verlängerung des Architekturkonzepts gestaltet. Für Messestände mit vielen Produkten oder Marken unter einem Dach kann man durch den Aufbau des Grundrisses und durch die Verwendung von unterschiedlichen Farben und Materialien eine Differenzierung und Orientierung erzielen.“

Der Einsatz von Leitsystemen sei zudem von der Zielgruppe abhängig. Während bei B2C-Präsentationen eher das explorative Entdecken, das Eintauchen in die Markenwelt und das emotionale Erlebnis mit allen Sinnen eine Rolle spiele, werde man bei B2B-Besuchern sicherlich konkreter – auch in der Führung. Hier müsse der Informationsgehalt ungleich größer sein, damit Fachbesucher schnell die gewünschten Informationen auf dem Stand finden.

Intelligente Organisationssysteme bringen außerdem den Nutzen, dass die Besucher ihre Zeit nicht mit Suchen verbringen, sondern sich möglichst lange mit den Produkten oder Marken, die sie interessieren, auseinandersetzten. „Die Besucherführung ist für eine Ausstellung oder einen Messestand erfolgsentscheidend“, sagt auch Milla. „Denn was nützt das schönste Exponat, wenn die Besucher es nicht in den Kontext einordnen können, wenn sie verwirrt oder gar frustriert wieder abziehen?“ Innovationen im Medienformat können die Anziehungskraft von Leitsystemen zudem erhöhen. Entscheiden bleibe aber, so Milla, dass sie ihre Funktion erfüllen, nämlich Orientierung bieten, damit der Effekt des Neuen nicht gleich verpufft. „Funktionierende Leitsysteme sind ein Ausdruck von Respekt vor einem selbstbestimmenden Publikum. Sie machen die Besucher autark.“

Das Leitsystem, das den Besuchern der Thyssen Krupp Quartiertage im September 2010 auf ihrem Weg über das 17 Hektar große Gelände Orientierung bot und sie über verschiedene Themen und Exponate informierte, wurde von Milla & Partner entworfen und realisiert. Verschiedene Informationsobjekte sorgten für Orientierung und luden die Gäste ein, das Unternehmen und sein modernes Quartier kennenzulernen wie auch interessante Exponate für sich zu entdecken. Seit Juni 2010 befindet sich die Zentrale von Thyssen Krupp wieder in Essen, wo seit nahezu 200 Jahren Firmengeschichte geschrieben wird.

Für die „Allee der Welten“, eine Allee aus 68 Bäumen von allen Kontinenten, entwarfen die Stuttgarter Ausstellungsmacher speziell geformte Displays, sogenannte Baumscheiben, die die verschiedenen Standorte des Konzerns und drei aktuelle Bauprojekte vorstellten. Die dreidimensionale Vorstellungskraft der Gäste wurde beim Spiel mit dem von Milla & Partner entwickelten „Innovation Cube“ gefordert. Hier konnten die Besucher wie in einem 3-D-Puzzle einen 1 m großen Würfel zusammenbauen. Die 24 Puzzleteile symbolisieren dabei die Komponenten einer lebendigen Innovationskultur und die Bausteine dynamischer Innovationsprozesse.
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http://www.milla.de/press-article/items/33.html Fri, 18 Feb 11 00:00:00 +0100 http://www.milla.de/press-article/items/33.html
PAGE 12/10: Die Macht der Zeichen
Eine legendäre und eine brandneue Luxuskarosse, daneben ein glänzender Flügel - gemeinsam in Szene gesetzt, jeweils auf einem sehr edel geschwungenem Gewebe, auf dem die dynamischen Linien der Objekte weitergeführt werden. Beim Betreten des Raumes erklingt ein Konzert für drei Klaviere, dessen drei Sätze eine Hommage an die drei Exponate sind: den Steinway-Flügel, den Flügeltürer 300 SL sowie an die neue Generation der Mercedes-SL-Klasse. Angelehnt an den Dreiklang als grundlegenden, Harmonie stiftenden Akkord kommt der Zahl Drei in der Mercedes-Benz-Wanderausstellung "The Shape of Perfection" eine zentrale Bedeutung zu. Doch was haben ein Musikinstrument und ein Auto eigentlich gemeinsam?

Steinway & Sons und Mercedes-Benz sind Traditionsmarken für hochwertige, technisch komplexe Gebrauchtgegenstände, die zudem eine lange Kooperationsgeschichte miteinander verbindet: Die Immigrantenfamilie Steinway handelte zu Beginn des 20. Jahrhundert nicht nur mit Flügeln, sondern importierte auch Premiumprodukte wie Autos in die USA. Ein Feuerwerk der Zeichensysteme auf unterschiedlichen Ebenen also, die die Stuttgarter Agentur für Kommunikation im Raum, Milla & Partner, virtuos miteinander kombiniert. Markenwerte werden mit Grafik, Farben, Materialien und Formen ins Visuelle und mit dem eigens für Mercedes komponierten Klavierstück ins Akustische transformiert.

Der Begriff des Flügels stellt als verbales Zeichen eine Verbindung zwischen dem Musikinstrument und der Türtechnik des Autoklassikers dar. Auch die zeitliche Dimension erhält in der 3-D-Kommunikation ikonischen Charakter, der aber, so Johannes Milla, Kreativdirektor und Geschäftsführer von Milla & Partner, noch häufiger unterschätzt werde. "Wie schnell fühlt sich eine Marke an? Der Faktor Geschwindigkeit in der menschlichen Wahrnehmung hat eine enorme Bedeutung für Markeninszenierungen", betont er. „So wie ein Apple Store mit seiner räumlichen Verdichtung und dynamischer Musik einen Raum der Beschleunigung zu sein scheint, haben wir mit "The Shape of Perfection" für Mercedes einen Ort der Entschleunigung geschaffen."

Alles kann also Zeichen sein, wie schon die Semiotiker Charles Sanders Peirce und Umberto Eco feststellten. Gesten, Schrift, Architektur, Kleidung ebenso wie ihr Fehlen. Für Gestalter keine überraschende Erkenntnis - doch lohnt sich ein neuer Blick auf unseren Zeichenbegriff im Kontext ganzheitlicher Markenkommunikation. Denn schließlich werden Medienkanäle als Zeichenträger immer vielfältiger, die Zielgruppen globaler Brands heterogener; und das Tempo, in dem wir uns in der aktuellen Informationsflut orientieren müssen, nimmt zu. Beschränken wir uns der Übersichtlichkeit halber auf die Entwicklung bildhafter Zeichensysteme - eine klassische Gestaltungsaufgabe, die Designer immer wieder herausfordert. Denn egal, ob es sich um symbolische Elemente einer visuellen Identität oder um Signalzeichen für optimale Bedienbarkeit, beispielsweise Icons oder Piktogramme, handelt: Das Herauskristallisieren einer Essenz erfordert Disziplin und Feingefühl, und so ist die Auseinandersetzung mit Semiotik, also mit der Funktion und Bedeutung von Zeichen in unserer Umwelt, immer auch eine gute Hilfe, um zu eigenständigen, kreativen Lösungen zu gelangen.

Was muss ein zeitgemäßes Markenzeichen bieten? "Es sollte mit einer eindeutigen Idee, einer Haltung aufgeladen sein, die gewünschte Assoziationsketten hervorrufen, international verständlich sein und sich für alle Medienkanäle adaptieren lassen", meint Wolf Schneider, Design-Chef bei Scholz & Friends. "Das christliche Symbol des Kreuzes ist das Exempel für ein zeitgemäßes Markenzeichen, ein Zeichen, das die gesamte Weltbevölkerung versteht, und das die alten Baumeister mit der Form des Kirchenschiffs sogar in die Corporate Architecture übertragen haben." Dass seine maximal reduzierte Form nicht langweilig wird, sei seiner visuellen Flexibilität und medienübergreifenden Variabilität zu verdanken. Wie diese Grundsätze auf zeitgemäße Erscheinungsbilder übertragen werden können, zeige, so Wolf Schneider, das Deutsche-Bank-Logo von Anton Stankowski aus dem Jahr 1972. "Jeder Bankmitarbeiter kennt noch heute die Bedeutung von "Schrägstrich im Quadrat": Wachstum und dynamische Entwicklung, Sicherheit und ein kontrolliertes Umfeld. Ein Markenzeichen muss Identität vermitteln, in der externen Kommunikation ebenso wie nach innen funktionieren."

Bei einem vorsichtigen Relaunch des Signets hat Scholz & Friends kürzlich den Schritt in die dritte Dimension vollzogen. Das ermöglicht eine sinnliche Inszenierung im öffentlichen Raum, etwa am Flughafen Berlin-Tegel, wo eine 3-D-Installation des Logos einen Rahmen für Events liefert. Indem die Marke haptisch begreifbar wird und näher an den Kunden und dessen Lebenswelt heranrückt, scheint sie menschlicher zu wirken. Natürlich sind 3-D-Effekte auch ein Zeichen der Zeit, zugleich aber ein Hinweis darauf, dass es immer wichtiger wird, Zeichensysteme dimensionenübergreifend einsetzbar zu gestalten - denn auch die menschliche Wahrnehmung zieht kaum Grenzen zwischen sinnlichen, sprachlichen oder zeitlichen Phänomenen. Die steigende Menge an Information und die Vielfalt der Kanäle erfordern klare Zeichen. "Reduktion gewinnt an Relevanz", prophezeit Wolf Schneider. "Wir müssen visuellen Ballast abwerfen. Mit unserer Mediennutzung hat sich auch unsere Wahrnehmung verändert, es gibt eine Sehnsucht nach Einfachheit und Tradition. Außerdem ermöglicht das Weglassen von Überflüssigem eine maximale Flexibilität in der Anwendung, im dreidimensionalen ebenso wie im virtuellen Raum und außerdem in allen Formaten, also auch daumennagelgroß auf Facebook." Seine handwerklichen Tipps dazu: Durch Kontraste, Größen und Farben eine gute Wahrnehmbarkeit generieren. "Man muss sich dabei immer wieder fragen: Würde ich das Zeichen bewusst wahrnehmen? Beschränke ich mich wirklich auf das Wesentliche, auf die Idee?"

Etwas anders argumentiert Johannes Milla: "Zeichen in der Markenkommunikation müssen eine Übersetzung ihrer Werte bieten. Abstraktion ist nur eine Möglichkeit, eine solche Transformation kann, je nach Marke, auch üppig und ornamental ausfallen." Er bestätigt allerdings, dass Kommunikation oft Einfachheit mit sich bringt, geht es doch immer darum, Zusammenhänge, Institutionen und Produkte visuell auf den Punkt zu bringen. Dass die Mercedes-Ausstellung "The Shape of Perfection" nicht penetrant oder überladen wirkt, hat auch mit der subtilen Übersetzung von Markenimages und Aussagen zu tun, die durch ihre abstrahierten Formen Spielraum für Assoziationen lässt - erinnern etwa die luftigen grafischen Linien nicht nur an rasante Autofahrten, Motorenmessungen und Straßenverläufe, sondern auch an Klaviersaiten, Notenlinien, Frequenzen oder allgemein an Dynamik. Ein Markenzeichen ist eben immer auch Projektionsfläche.

Und nicht nur bei der Imagekommunikation, auch bei der Entwicklung von Orientierungssystemen in realen oder digitalen Welten dürfte Abstraktion in vielen Fällen nicht nur der Einfachheit wegen, sondern auch aufgrund der Codierung sinnvoll sein: Metaphorische Bilder als kleine intellektuelle Herausforderungen helfen, sich nachhaltig im Gedächtnis der Zielgruppe zu verankern. Die Aufgabe von Designern wird es also künftig weniger sein, Markenimages durch eine visuelle Identität zu fixieren, sondern sie an die spezifischen, ebenfalls zeichenhaften Kommunikationssysteme anzupassen. Denn die Medienkanäle dienen dazu, Markenzeichen mit Werten und Geschichten aufzuladen. Dank der Möglichkeiten des Web 2.0 etwa sind Brands zunehmend den Gestaltungsideen und Meinungen der Konsumenten ausgeliefert.

LEGO zum Beispiel ist eine Marke, deren Produkt, der Legostein, längst Symbolcharakter besitzt - für sie ist es kein Problem, die eigenständige Nutzung durch Konsumenten, etwa als nachgestellte Filmszenen, zu akzeptieren. Voraussetzung für einen derart entspannten Umgang mit diesem Kontrollverlust ist das enorme Selbstbewusstsein des Unternehmens - und ein gutes Produkt. Letztlich, überlegt Johannes Milla, müsse Kurt Weidemanns Zitat für die aktuelle Markenkommunikation folgendermaßen ergänzt werden: "Ein Zeichen ist erst dann gut, wenn man es mit dem Zeh in den Sand malen kann - und wenn es dem Publikum eine Plattform bietet, es sich anzueignen und es selbst aufzuladen." ]]>
http://www.milla.de/press-article/items/28.html Wed, 01 Dec 10 01:00:00 +0100 http://www.milla.de/press-article/items/28.html
Stuttgarter Zeitung 03.11.10: Kein Spektakel um des Spektals willen
Interview mit Johannes Milla

Herr Milla, wie fühlt sich das an, wenn die Welt ein so großes Lob erteilt?
Wir freuen uns sehr. Auf den riesigen Publikumsandrang folgt nun die höchste Ehrung durch eine internationale Jury. Da die Ausstellung fast ausschließlich in Stuttgart entstand, gilt der Preis auch dem Kreativstandort Stuttgart. Und: Bei der Konzeption haben wir konsequent unsere gestalterischen Prinzipien umgesetzt. Wenn das belohnt wird, ist das ein sehr schönes Gefühl.

Wie sehen diese Prinzipien aus?
Auch bei einer Expo ist inhaltliche Tiefe möglich und wird vom Publikum goutiert: Respekt vor dem Publikum, kein erhobener Zeigefinger. Kein Spektakel um des Spektakels willen, sondern immer inhaltliche und gestalterische Substanz. Auch die riesige Kugel, die die Besucher gemeinsam zum Pendeln bringen konnten, ist zwar eine Attraktion, aber sie sollte den Menschen verdeutlichen, dass sie als Gemeinschaft etwas bewirken können.

Bedeutet diese Auszeichnung den internationalen Durchbruch für Milla und Partner?
Nein, es gibt uns seit 22 Jahren und wir sind seit 17 Jahren international aktiv. Seit eineinhalb Jahren werden wir aber fast ausschließlich mit diesem Projekt in Verbindung gebracht. Das erschreckt mich ein wenig: Dieser deutsche Pavillon ist zwar ein wunderbares Extra zu unserer täglichen Arbeit. In der meisten Zeit beschäftigen wir uns allerdings mit normalen und mittleren Projekten und machen ganz bodenständig unsere Arbeit:

Sie stehen mit Ihrem Entwurf für das Denkmal zur Deutschen Einheit in der Endrunde. Erhöht der Preis Ihre Chancen?
Nein, das ist ein ganz anderer Auslober und Auftraggeber. Und zudem ein anderer Kontext. Bei unserem Denkmalentwurf machen wir deutlich, dass Demokratie kein statischer Prozess ist, sondern dass dafür etwas getan werden muss.

Das Interview führte Anja Treiber ]]>
http://www.milla.de/press-article/items/26.html Wed, 03 Nov 10 01:00:00 +0100 http://www.milla.de/press-article/items/26.html
Stuttgarter Nachrichten, 07.10.2009: Die Kugel Von Daniel Gräfe

2010 präsentiert sich Deutschland mit einem futuristischen Pavillon auf der Expo in Schanghai. Höhepunkt ist ein Pendel mit einer riesigen Kugel, die die Besucher steuern können. Hinter dem Konzept steht maßgeblich die Stuttgarter Agentur Milla und Partner. Am Dienstag wurde es vorgestellt.

STUTTGART. Der Weg zur wundersamen Kugel führt durch eine Hintertür aus Eisen und Blech. In einer leer stehenden Lagerhalle im östlichen Teil Stuttgarts ist sie weggesperrt - ohne Schild und Tageslicht. Niemand hier ahnt, dass sie dort hängt. Die Kugel ist noch Geheimsache. Es geht um zu viel Geld, um Technologie und Prestige. Doch bald soll sie weltweit leuchten. Für Stuttgart. Für Deutschland. Mehr als 190 Länder präsentieren sich vom 1. Mai bis 31. Oktober 2010 in Schanghai zum Wettkampf der Nationen, der Expo heißt. Unter dem Motto "Better City, Better Life" will Deutschland in China beweisen, dass es sich in seinen Städten bereits jetzt gut - wenn nicht gar besser als anderswo - leben lässt.

Fast 6000 Quadratmeter misst der deutsche Pavillon "balancity" - ein Kunstwort aus Balance und Stadt. In der leicht, fast schwebend wirkenden Konstruktion aus Stahl und Glas präsentieren sich die Bundesländer, können die Besucher deutsche Produkte ausprobieren, Park- und Schrebergärtenszenieren genießen und erleben, wie die Kunst den öffentlichen Raum erobert hat. All das haben das Ausstellungsbau-Unternehmen Nüssli Deutschland GmbH in Roth und die Architekten der Münchner Schmidhuber + Kaindl GmbH konzipiert, geplant und bald fertiggestellt - vor allem aber die Stuttgarter Agentur Milla und Partner. Denn am Necker laufen die Fäden zusammen. "Das kann man nur hier machen", sagt Geschäftsführer Johannes Milla. "Stuttgart spielt in der Weltliga. Diese Kugel ist einzigartig."

Die Kugel: Sie hat fast etwas Außerirdisches, wie sie in der Weite der Halle an ihrem Pendel hängt. Als schwebe sie schwerelos im All. Dabei hat sie das Gewicht eines Kleinwagens, erklärt Milla, und ist drei Meter dick. Ihre Konstruktion ist frei von jeglicher Mystik. 1600 Kacheln sind angebracht, auf denen fast 400.000 LED-Leuchten Bilder, Formen und Farben aus Deutschland ausstrahlen werden. Kacheln mit Lichtpunkten gab es schon früher. Doch neu ist die schiere Größe. Neu ist es, sie auf einer Kugel anzubringen, die zudem pendelt und kreist. Und neu ist, dass sich die Kugel akustisch steuern lässt - die Uni Stuttgart hat hierfür die Technik entwickelt. Die Steuerung soll Aufgabe der Besucher in der sogenannten Energiezentrale ein, dem vierten und letzten Raum des Pavillons. Vor zehn Tagen steht Peter Redlin, Millas Kompagnon und Kreativdirektor, in Schanghai auf der dritten Ebene eines Stahlskeletts. Die Energiezentrale ist noch im Entstehen, doch Redlins Kopfkino läuft bereits. Er sieht Menschen, die sich an der Kugel vorbei in die Augen schauen, spürt, wie sich die Energie der Menge vereint, wenn sie durch Rufe die Kugel zum Schwingen bringen. "Das wird wie eine Stimmungswelle. Dieses Bild hat mich gewärmt, das habe ich mir erträumt."

Und jetzt? Redlin bringt die Kugel ins Lot. Rote Flammen flackern am Rand, dann klatscht er in die Hände. Sofort werden die Flammen größer, nimmt die Intensität der Farbe zu. Dann setzt er die Kugel in Bewegung, das heißt, er ruft sie aus verschiedenen Richtungen. Das Pendel bremst jeweils ab und steigert den Schwung in Richtung der Schallquelle. Die umstehenden Journalisten stimmen ein, dirigieren sie, während lachende Mädchen, Sportler und Alltagsszenen aufleuchten und sich das Kugellicht in den staunenden Gesichtern reflektiert. Es ist ein gemeinsames Spielt, bei dem das Technische in den Hintergrund tritt. Eine Kugel aus der digitalen Welt, die sich analog anfühlt, sogar der Wind, der ihre Bewegung macht, ist deutlich zu spüren. Fast ist es eine Zauberkugel, die - unterstützt von einem berührenden musikalischen Finale - direkt in die Herzen der Besucher scheint. "Das ist ein großes Gemeinschaftserlebnis", sagt Redlin. "Damit können wir im Wettstreit der Nationen bestehen".

Fast hätte man vergessen: Diese Kugel hat ja einen Zweck. Sie bringt zum Schluss ein optimistisches Deutschlandbild zum Schwingen. Dieses Land, zeigt auch der deutsche Werbefilm für den Pavillon, hat Lösungen für die städtebaulichen Fragen der Zukunft, in deutschen Städten lässt es sich leben. Ob das so stimmt, werden die wenigsten überprüfen können. Nur jeder zwanzigste der erwarteten 70 Millionen Besucher wird ein Ausländer sein. Auf Weltausstellungen ist es für die Nationen leicht sich eigene Wunschbilder zu zimmern ...

... Ein Spektakel wie die Kugel. Mitte November wird sie in zwölf Teile zerlegt, in sechs Holzkisten verpackt und nach Schanghai geflogen. Für rund sechs Minuten dreht sie sich dann pro Show, rund 70-Mal täglich, bis zu 14 000-mal bis Ende des Welt-Events. Wenn es gut läuft, haben täglich bis zu 46 000 Besucher gerufen, gestaunt, zusammengearbeitet. Johannes Milla schubst die Kugel an. Die Ausschläge unter der Halterung machen ein archaisches Geräusch, das in Schanghai von der Musik übertönt wird. Mit seiner dicken Brille, dem Bauchansatz wirkt Milla daneben wie ein Planet. Er sein kein spiritueller Mensch, betont er. Und doch: Wenn er die Kugel beschreibt, glaubt man, er sei zum Esoteriker geworden: "Wenn sie sich bewegt, wirkt sie über die drei Dimensionen des Raumes und die vierte Dimension der Zeit hinaus", sagt er. "Manchmal habe ich das Gefühl, die Kugel spricht zu uns - als ob sie eine Seele hat." Ja, Milla und auch Redlin sind stolz auf ihr Baby. "Die Kugel macht, was sie will." Die Kugel ist schon etwas Kunst, sie hat sich aus den Zwängen ihrer Schöpfer bereits gelöst. Damit ist sie schon ein Stückchen freier als das Land, in dem sie hängen wird.

Stuttgarter Nachrichten, Seite 3, 07.10.2009 ]]>
http://www.milla.de/press-article/items/8.html Thu, 07 Oct 10 02:00:00 +0200 http://www.milla.de/press-article/items/8.html
Stuttgarter Zeitung, 07.10.2010: Nicht nur ein Denkmal, sondern ein Mach-mal Von Amber Sayah

"Uns kam es darauf an, ein Denkmal zu schaffen, das die Menschen nicht nur betrachten oder fotografieren, sondern bei dem sie aktiv und selbst zum Teil des Denkmals werden." Das sagt Johannes Milla, Chef der Stuttgarter Agentur Milla und Partner, die zusammen mit der Berliner Choreografin Sasha Waltz im Wettbewerb um das Berliner Einheitsdenkmal als einer von drei gleichrangig bewerteten Preisträgern gekürt worden ist (StZ vom 4. und 5. Oktober 2010). Der Entwurf sieht eine große Metallschale auf dem vom Auslober als Ort vorgegebenen Sockel des ehemaligen Nationaldenkmals für Kaiser Wilhelm I. gegenüber der geplanten Stadtschlossreplik vor. Die Schale ist begehbar und lässt sich - nach Art einer Wippe - von den Besuchern in eine sanfte Schaukelbewegung versetzen.

Die Verfasser verstehen ihr Denkmal als "soziale Plastik", die symbolhaft zum Ausdruck bringt, dass "man als Bürger etwas bewegen kann". Allerdings müssten sich die Besucher untereinander verständigen, um die Schale in Bewegung zu versetzen, denn sie neigt sich nur, wenn auf einer Seite mehr Besucher stehen als auf der anderen. "Freiheit und Einheit sind keine dauerhaften Zustände, sondern müssen stets neu gestärkt und definiert werden, sie erfordern ständiges Engagement", heißt es dazu im Erläuterungstext der Entwurfsverfasser. Dass in der Presse schon über "Einigkeit und Recht und Halfpipe" gewitzelt wurde, nimmt Johannes Milla gelassen: "Das Denkmal soll auch Spaß machen. Es ist nicht nur ein Denkmal, sondern auch ein Mach-mal." Auch mit der Kritik, die Schale sei zu pathetisch, kann er leben. Der Entwurf arbeite mit der Polarität von Pathos und Freude.

Innen stehen in großen Buchstaben die beiden Schlüsselsätze der friedlichen Revolution von 1989 zu lesen: "Wir sind das Volk. Wir sind ein Volk", dazu kleinere, den Asphaltbelag der Innenseite wie Linien durchziehende Zitate von Bürgerrechtlern und Demonstranten, die den Boden von Rand zu Rand überziehen und den lesenden Besucher so über die Fläche leiten. Alle Schriftzüge sind begehbar. An der Außenseite der Schale befinden sich großformatige Bilder von Demonstranten der Herbstrevolution. "Formal bilden somit die Bürgerinnen und Bürger die Basis der Freiheit und Einheit, auf der sich die heutigen Besucher bewegen."

Die ungewöhnliche Zusammenarbeit mit einer Choreografin entstand aus Millas Idee, das seinem Wesen nach statische Denkmal gegen den Strich zu bürsten und nach einer kinetischen Lösung zu suchen. Und da der Stuttgarter mit Sasha Waltz schon einmal zusammengearbeitet hat, lag es für ihn nahe, sie anzurufen. Das Konzept wurde dann in drei Workshops entwickelt, an denen neben Sasha Waltz und ihrem Dramaturgen Jochen Sandig zwei Architekten und eine Szenografin aus der Agentur Milla und Partner teilnahmen. Und dazu natürlich Milla selbst.

Die Auflagen des Preisgerichts, Sicherheit, Betriebskosten und Statik des Denkmals nachzuweisen, hält Milla für problemlos erfüllbar. Die Sicherheit sei bereits vom Tüv geprüft, und die Statik haben die Architekten vom Stuttgarter Ingenieurbüro Leonhardt, Andrä und Partner berechnen lassen, das nun wahrlich kein Neuling auf seinem Gebiet ist. Bedenken, dass das Gewicht der Schale mitsamt den Besuchern zu schwer für den Sockel sein könnte, glaubt Milla daher ausräumen zu können.

Die anderen Siegerentwürfe sind von dem Münchner Architekten Andreas Meck und dem Karlsruher Bildhauer Stephan Balkenhol. Dessen Konzept sieht die monumentale Figur eines knienden Mannes vor. Für den Künstler drückt sich in dieser Geste "Erleichterung über das Ende der Unterdrückung" aus und "Dankbarkeit gegenüber allen, die geholfen haben, den Prozess unblutig zu einem Ende zu bringen". Meck hat sein transparentes Dach aus Buchstaben entworfen, dessen Stützen die Bundesländer repräsentieren. ]]>
http://www.milla.de/press-article/items/29.html Thu, 07 Oct 10 02:00:00 +0200 http://www.milla.de/press-article/items/29.html
Stuttgarter Zeitung, 07.09.10: Millionäre treffen auf Obdachlose Sommerinterview
Der Kreativdirektor Johannes Milla redet über den urbanen Charme des Heusteigviertels und seine Ideen für die Stadt.
Johannes Milla sitzt auf dem Dachgarten einer ehemaligen Kartonagenfabrik im Heusteigviertel und serviert Quarkhörnchen. Das Gebäck kommt von einem benachbarten Bäcker, im Laufe des Gesprächs leert sich der Teller, und man fragt sich, wie viele Geschäftsabschlüsse das Kommunikationsbüro Milla & Partner wohl mit Hilfe dieser süßen Droge vorangetrieben hat.

In diesem Jahr hat sein Büro mit der Gestaltung des deutschen Expo-Pavillons auf der Weltausstellung in Shanghai Schlagzeilen gemacht. Milla erzählt von experimentierfreudigen Chinesen, dem Wissenshunger von Kindern und den hässlichen Seiten seiner Wahlheimat Stuttgart. Im Innenhof unter dem Dachgarten schwillt der Lärm aus einem Kindergarten ohrenbetäubend an. Es klingt, als ob der Regenwald mitten in der Stadt zum Leben erwacht.

Herr Milla, stört Sie der Lärm eigentlich beim Nachdenken?

Das ist doch kein Lärm! Ganz im Gegenteil. Unser Büro ist an Projekten in aller Welt beteiligt. Diese Geräuschkulisse hier erdet uns, so wie das Heusteigviertel, in dem wir arbeiten. Hier leben die unterschiedlichsten Menschen, hier mischt sich großes und kleines Gewerbe. Die Nähe von Arbeit und Wohnort - die gab es hier schon immer.

In den vergangenen Jahrzehnten ist das Gewerbe an den Stadtrand oder auf die grüne Wiese gezogen.

Für uns als Agentur wäre das undenkbar. Hier stehen wir mit beiden Füßen im Leben. Nur fünf unserer 45 Mitarbeiter fahren mit dem Auto zur Arbeit, die anderen kommen mit dem Rad oder mit der Stadtbahn. Zwanzig Gaststätten in unserer Nachbarschaft akzeptieren unsere Mittagessensgutscheine. Es gibt eine kleine Milla-&-Partner-Währung - solche Dinge verwurzeln uns im Viertel.

Junge Leute, Ateliers, Architekturbüros - sie alle haben den Charme des Heusteigviertels entdeckt. Und mit ihnen die Immobilienstrategen. Die Innenstadt ist inzwischen als Wohnort wieder "in".

Du erreichst zu Fuß die Theater, den Skatershop, du wirst täglich mit den Gegensätzen der Stadtgesellschaft konfrontiert. Im Lidl treffen die sparsamen Millionäre, die hier Penthousewohnungen besitzen, auf die Obdachlosen, die Pfandflaschen sammeln.

Mobilität wird immer teurer werden. Steht das Heusteigviertel Pate für die vernunftsorientierte Stadtplanung von morgen?

Solche Viertel entstehen doch bereits als Neubauprojekte überall auf der Welt. Das sind kleinräumige Stadtkonzepte, bei denen Wohnen und Arbeiten unter einem Dach vereint sind. In den Niederlanden baut man heute schon so, selbst in Shanghai wird teilweise so geplant.

Ihr Büro, das Sie gemeinsam mit Ihrem Partner Peter Redlin führen, hat das Innenleben des deutschen Pavillons auf der Expo in Shanghai entworfen. Welche Eindrücke haben Sie mit nach Hause genommen?

Die Menschen in China wollen es wissen - im doppelten Sinn: sie sind ehrgeizig, und sie wollen lernen. Die Lust auf Bildung und Wissen ist überall spürbar. Genau wie die Bereitschaft zur Veränderung.

Wie haben Sie dies im Alltag erfahren?

In Shanghai fielen uns Tausende von Elektromotorrollern auf, die haben sich dort längst durchgesetzt. Wenn bei uns in Deutschland in einer Stadt zehn E-Bikes vorgestellt werden, macht man gleich eine Riesensache draus. Durch Shanghai rollen inzwischen Hunderte von Bussen, die mit Wechselakkus betrieben werden. Warum eigentlich nicht bei uns?

Auf den Straßen muss es dann gespenstisch leise sein.

Noch nicht. Aber vermutlich eher als in einer deutschen Großstadt.

Auf der Expo haben Sie im deutschen Pavillon eine große Videokugel an ein Pendel gehängt - Hunderte von Zuschauern konnten sie durch Rufe zum Schwingen bringen. Was soll uns diese Mitmachaktion über Deutschland sagen?

Die Kugel steht für unsere inhaltliche Botschaft: Bei uns befinden sich die Städte weitgehend in Balance - sie bringen die vielfältigen Interessen der Bürger unter einen Hut. Manche wollen nur ihre Ruhe haben, andere feiern. Die einen wollen schnell mit dem Auto unterwegs sein, die anderen wollen gute Fahrradwege. Das Pendel zeigt, dass jeder seine Stimme hat und seine Interessen vertreten kann: Balancity.

Die Kugel können Sie in Shanghai ab- und im Bonatz-Bau gleich wieder aufbauen.

Eine gute Idee.

Stuttgart ist in eine Unwucht geraten, was das Spiel der Interessen angeht. Viele Menschen glauben, dass ihre Stimme kein Gewicht mehr hat.

Die Befürworter haben von Anfang an den Fehler gemacht, das Projekt rational zu begründen: mit Fahrzeiten, Städtebau, Umwelt, Bratislava, 5000 Bäumen und 10 000 Arbeitsplätzen. Diese Argumente sind längst fragwürdig. Dabei wären sie als Begründung gar nicht nötig gewesen: Stuttgart 21 war und ist ausschließlich als Imageprojekt gewollt und zu bewerten.

Das ist eine steile These.

Ich sehe das anders. Es ist doch grundsätzlich legitim, sehr viel Geld für ein städtebauliches Imageprojekt auszugeben. Denken Sie nur an die Sydney Opera, den Eiffelturm, das Münchner Olympiadach, den Stuttgarter Fernsehturm, der leider als Zeichen für Stadt und Region nicht mehr genutzt wird. Alle diese Bauten sind fortschrittseuphorische und emotionale Visionen. Zudem waren sie imagebildend. Die Bürger identifizieren sich mit den Bauwerken - damit waren sie alle höchst vernünftig.

Dem Tiefbahnhof sprechen Sie eine positive Wirkung auf das Image der Stadt folglich komplett ab.

Einerseits werden die Milliardeninvestitionen mittelfristig Stuttgarts positives Image als reiche Stadt verstärken. Außerdem sind die Glaskuppeln von Frei Otto zweifellos fotogen. Andererseits beschädigt die Stadt ihren Namenskern: Der Stutengarten wird im stadtnahen Bereich abgeholzt. Und das Neckarufer, immerhin Stuttgarts Gründungskern, wird mit einer zusätzlichen viergleisigen Brücke beschädigt. Welche Stadt auf der Welt traut sich so etwas?

Im Gegenzug gewinnt Stuttgart Wohnraum und Grünflächen mitten in der Innenstadt. Keine andere deutsche Großstadt kann sich in ihrem Kern so entwickeln.

Ja, das ist abzuwägen. Aber die Außenwahrnehmung von Stuttgart wird für alle Zeiten davon geprägt sein, dass man minutenlang durch Tunnels fährt oder im Dunkeln auf das frei werdende Gleis wartet. Stuttgart wird durch dieses Projekt zu einer U-Bahn-Station zwischen Feuerbach und Filderstadt. Aus der Stadt im Kessel wird die Stadt im Tunnel.

Sie würden also auch lieber "oben bleiben".

Mit Blick auf das Stuttgart-Image ist das unterm Strich eindeutig.

Lassen Sie uns doch mal "Wünsch dir was" für Stuttgart spielen. Welche Stärken sollte die Stadt in Zukunft ausspielen?

Selbst Stuttgarter reden immer von der Kessellage ihrer Stadt. Dabei ist Stuttgart die Stadt der sieben Hügel. Sie hat eine einmalige Topografie, einen sagenhaften Weitblick und Weinberge mitten in der Stadt. Aber Stuttgart gibt seit Jahrzehnten viel Geld dafür aus, seine Bergigkeit zu verleugnen. Die Stadtbahn fährt durch Tunnels nach Degerloch oder zum Killesberg hinauf. Vom Schattenring führt nun eine gerade Schneise runter in den Heslacher Tunnel. Das ist für mich nicht Stuttgart. Ich spüre die Stadt, wenn ich auf den Kurven der Karl-Kloß-Straße den Berg hinabfahre. Stuttgart sollte seine Berge nicht bekämpfen.

Als Nächstes werden Sie eine Skistation auf der Solitude vorschlagen.

Mal ganz im Ernst: ich hatte vor ein paar Jahren schon mal angeregt, zwei Seilbahnen zu errichten. Natürlich nicht für Skifahrer. Stuttgart könnte aus seiner Lage viel mehr Kapital schlagen. Nehmen Sie nur die Downhillszene - das ist ein Sport, den man nur in einer Stadt wie Stuttgart so treiben kann. Viele begreifen die Downhillfahrer aber als Gefahr und sehen in dem Vergnügen eine Ordnungswidrigkeit. Dabei könnte die Stadt für wenig Geld ihre junge Seite zeigen.

Ihr Büro hat in Shanghai auf der Expo ein modernes Bild von Deutschland präsentiert. Wie könnte in zwanzig Jahren das von Stuttgart aussehen?

Auch wenn das von uns entworfene Mobilitäts- und Erlebniszentrum wegen der Wirtschaftskrise auf Eis liegt - ich glaube, dass das Projekt weiterhin richtig ist. Stuttgart ist eine Stadt der großen Ingenieure und der Mobilität. Als solche sollte sie sich auch positionieren. Als wir den Ideenpark auf der Messe gestaltet haben, haben sich Kinder und Jugendliche mit ungeheurem Bildungshunger auf die Angebote gestürzt.

Da Sie räumlich schon beim Neckarpark sind: beim Theater der Welt hat man den Hafen vor einigen Jahren spektakulär als Bühne inszeniert. Inzwischen ist er wieder in den Dornröschenschlaf gefallen.

Wie wäre es mit einem Fischrestaurant an einer der Landspitzen? Außerdem fehlen identitätsstiftende Bauwerke am Neckarufer: ein Museum für Architektur und Leichtbauengineering würde zwei große Traditionen der Stadt an einem tollen Standort aufgreifen.

Von Gedankenspielen in die Gegenwart: was ärgert Sie an Ihrer Wahlheimatstadt?

Vor allem die überall präsente Außenwerbung in der Stadt.

Moment, Sie verdienen Ihr Geld doch zu einem nicht unbeträchtlichen Teil selbst ...

... mit Werbung, stimmt schon. Aber wir machen Messen, Ausstellungen und Veranstaltungen - also Werbung, der sich die Menschen freiwillig und bewusst aussetzen. Die Außenwerbung ist jedoch eine Belästigung. Die Stadt duldet dies oder hat sich teilweise sogar an diese verkauft.

Wo fällt Ihnen dies am stärksten auf?

Wenn ich die Straße am Westbahnhof vorbeifahre, ist alles vollgemüllt mit Werbeständern. Am Schlossplatz stehen die Fahnenrotunden mit hässlichen Werbebannern. Überall leuchten diese City-light-Poster, und die Discos dürfen nachts mit Flakscheinwerfern den Stadthimmel beleuchten.

Die Stadt verdient damit auch Geld.

Wenn eine Stadt sich so an die Außenwerbung verkauft, gibt sie den Respekt vor sich selbst und ihrem Aussehen auf. Sie sinkt damit in der Achtung ihrer Bürger und ihrer Gäste. Sie verliert Identität. Stuttgart ist eigentlich die schönste Stadt Deutschlands. Wir müssen gut auf sie aufpassen. ]]>
http://www.milla.de/press-article/items/30.html Tue, 07 Sep 10 02:00:00 +0200 http://www.milla.de/press-article/items/30.html
Stuttgarter Nachrichten, 02.08.10: Pendel bringt Chinesen in Schwingung
Strahlende Chinesen fotografieren sich scharenweise vor dem Bild des Stuttgarter Schlossplatzes. Noch mehr strahlende Chinesen posieren mit überdimensionalen Zipfelmützen auf dem Kopf und mutieren so in Sekunden zum typisch deutschen Gartenzwerg. Menschenschlangen winden sich ums Gebäude. Die Bilder, die am Donnerstagabend im voll besetzten Großen Sitzungssaal des Rathauses über die Leinwand flimmern, sind faszinierend. Man meint, man durchschreite selbst den deutschen Pavillon auf der Weltausstellung. Dabei sitzt man bequem in Stuttgart.

Richtig ist beides. Denn auch die geschätzt vier Millionen Besucher, die bis zum Ende der Expo am 31. Oktober den deutschen Pavillon besuchen werden, befinden sich im Grunde in Stuttgart. Sie durchstreifen eine Landschaft, die großteils in schwäbischen Köpfen, Instituten und Werkstätten ausgetüftelt worden ist. "Das Projekt ist in einem Radius von sieben Kilometern um dieses Rathaus entstanden", sagt Johannes Milla, Geschäftsführer der Agentur Milla & Partner aus dem Heusteigviertel, die mit der Konzeption beauftragt worden ist. Zehn von 15 hauptbeteiligten Firmen haben ihren Sitz innerhalb der Stadtgrenzen. Die architektonische Gestaltung des Pavillons dagegen kommt von einem Münchner Büro.

Seit der Eröffnung Anfang Mai strömen die Besuchermassen. Der deutsche Pavillon gilt inzwischen als zweitbeliebtester nach dem der Gastgeber. Dabei wurde zu Beginn viel Kritik besonders an der Architektur laut - fast ausschließlich aus Deutschland. Manch einer taufte das Konzept "Balancity", das eine Stadt der Zukunft im Gleichgewicht zeigen soll, in "Banalcity" um. Doch das ist vorbei, seit der Pavillon besonders bei den chinesischen Besuchern so gut ankommt - zuvorderst, weil er es vermeidet, mit dem erhobenen Zeigefinger zu arbeiten. "Es ist schön, dass sich die anfängliche Einschätzung geändert hat", sagt Peter Redlin, Kreativchef bei Milla. Jetzt zeige sich, dass der Spagat zwischen deutschen Vorstellungen sowie den Erwartungen des chinesischem Publikums gelungen sei. Inzwischen betragen die Wartezeiten drei bis vier Stunden. Die Expo-Organisatoren mussten sogar beim Sicherheitskonzept nachbessern, nachdem es zu Beginn immer wieder Gerangel und Beschimpfungen wegen der langen Schlangen vor dem Gebäude gegeben hatte.

Wer erst einmal drin ist im Pavillon, den erwarten verschiedene Erlebniswelten einer Stadt. Bilder aller Bundesländer nehmen die Besucher in Empfang, es folgen ein Hafen, ein Garten, eine Fabrik, ein Park oder Kunst und Kultur. Ein Modell des Mehrgenerationenhauses Stuttgart-West demonstriert mit Playmobil-Figuren mögliche Wohnformen der Zukunft.

Höhepunkt ist die Energiezentrale zum Schluss. 600 Menschen auf drei Ebenen können durch Rufen ein gewaltiges Pendel mit 400.000 Lichtpunkten bewegen, das die Universität Stuttgart entwickelt hat. Die hochkomplexe Konstruktion löse "majestätische Bewegungen" aus, schwärmt Uni-Professor Peter Eberhard. Erst klatschen und brüllen sich die Besucher die Seele aus dem Leib, danach sehe man sie "mit strahlenden Gesichtern herauskommen".

Der Erfolg ist Anlass genug, auch die Rathausspitze jubeln zu lassen. "Der Pavillon hatte schon nach sieben Wochen über eine Million Besucher. Mehr kann man sich nicht wünschen", sagt OB Wolfgang Schuster. Das Stadtoberhaupt vergisst nicht den Hinweis, dass gute Ideen vor allem in Stuttgart mit seinen 4000 Unternehmen der Kreativwirtschaft entstehen könnten. So kreativ ist die Szene, dass man den Pavillon an diesem Abend sogar vom Rathaus aus besichtigen kann. Angesichts der Eindrücke könnte man direkt Lust bekommen, sich in China selbst ein Bild von Deutschland zu machen. ]]>
http://www.milla.de/press-article/items/1.html Mon, 02 Aug 10 02:00:00 +0200 http://www.milla.de/press-article/items/1.html
Stuttgarter Nachrichten, 28.05.2010: Das neue Denken findet doch statt http://www.milla.de/press-article/items/2.html Fri, 28 May 10 02:00:00 +0200 http://www.milla.de/press-article/items/2.html Welt online, 09.05.2010: Deutsche Architekten begeistern China http://www.milla.de/press-article/items/3.html Sun, 09 May 10 00:00:00 +0200 http://www.milla.de/press-article/items/3.html Tagesspiegel, 03.05.2010: Schöne neue Stadt http://www.milla.de/press-article/items/5.html Mon, 03 May 10 02:00:00 +0200 http://www.milla.de/press-article/items/5.html taz, 03.05.2010: Schaufenster in eine bessere Welt http://www.milla.de/press-article/items/4.html Mon, 03 May 10 00:00:00 +0200 http://www.milla.de/press-article/items/4.html m+a report Jan/Feb. 2010: Deutschland zeigt Ausgeglichenheit
Mit dem Begriff "Balance" wird ein Verhältnis der Ausgewogenheit beschrieben, das durch die exakte Aufhebung von entgegenwirkenden Kräften entsteht. Die Balance ist dementsprechend ein fragiler Zustand, der schon durch kleinste Manipulationen zerstört werden kann. Dann kommen die Kräfte aus dem Gleichgewicht und ein stabiles System gerät aus der Balance. In der Gesellschaft sorgt eine ausbalancierte Verteilung der politischen Kräfte für die notwendige Stabilität, die es dem Bürger ermöglicht, im urbanen Raum in Vielfalt und Gleichgewicht - nicht Gleichheit - zusammenzuleben.

Vor allem in den prosperierenden Metropolen mit einer rasch ansteigenden Bevölkerung wird die Ausgewogenheit von Umwelt und Urbanität immer wichtiger zur Stabilisierung der Lebensqualität. Das Motto der Weltausstellung EXPO 2010 lautet dementsprechend "Better City, Better Life" und beschäftigt sich mit der Verbesserung des urbanen Lebens im 21. Jahrhundert.

Die Auswahl des Themas passt zum Standort, ist doch die prosperierende Millionenmetropole Schanghai eine der größten Städte Chinas. Mit dem Namen Balancity, einem Kunstwort aus "Balance" und "City", sowie der Idee von einer Stadt im Gleichgewicht greift der Deutsche Pavillon das EXPO-Motto auf. Die Botschaft der deutschen Beteiligung lautet: Es ist durchaus erstrebenswert in einer Stadt zu leben, wenn sie sich in Balance befindet - im Gleichgewicht zwischen Erneuern und Bewahren, Innovation und Tradition, Stadt und Natur, Gemeinschaft und Individuum, Arbeit und Freizeit.

Der Deutsche Pavillon gliedert sich in zwei Bestandteile: Landschaft und Baukörper. Eine Terrassenlandschaft mit Veranstaltungsfläche erstreckt sich vom Erdgeschoss bis zum dritten Obergeschoss. Darüber scheinen vier scharfkantige Ausstellungskörper zu schweben, die zusammen ein großes Dach über der Landschaft bilden. Im Inneren der Raumskulptur wird ein Gang durch exemplarische deutsche Stadtlandschaften inszeniert. Der Besucher kann sich wie in einer realen Stadt - zu Fuß, auf Rollbändern oder über Rolltreppen - durch unterschiedlich inszenierte Stadträume und Themen bewegen. Das Konzept greift die Idee der "promenade architectural" auf, die Le Corbusier bereits 1923 in seiner Schrift "Vers une Architecture" als einen "auf den Betrachter ausgerichteten Weg durch den gebauten Raum" beschrieben hat.

Den Weg durch den Deutschen Pavillon begleiten die virtuellen Protagonisten Yanyan und Jens. Der junge Deutsche zeigt der chinesischen Studentin Yanyan sein Heimatland aus seinem persönlichen Blickwinkel und lässt die Besucher daran teilhaben. Kurze Dialoge zwischen den beiden jungen Leuten sollen die deutschen Besonderheiten hervorheben und die Vielfalt Deutschlands vermitteln. Die Reise durch den Deutschen Pavillon beginnt draußen in der Natur und führt mitten hinein in die Stadt, an typische Orte und Plätze Deutschlands. Angefangen beim Hafen geht es beispielsweise durch Gärten und Parks, über ein Planungsbüro und eine Fabrik bis in eine Energiezentrale, dem symbolischen Kraftwerk der Stadt. Der Innenraum der Energiezentrale hat die Form eines Kegels, der sich nach oben öffnet mit drei übereinander angeordneten Galerien.

Zentrales Element im Innenraum der Energiezentrale ist eine interaktive LED-Kugel. Ihre Oberfläche ist mit rund 400.000 LEDs bestückt, die wechselnde Farben, Formen und Bilder als Impressionen aus Deutschland zum EXPO-Thema "Better City, Better Life" entstehen lassen. Durch das Zusammenspiel von Anregung, Schwerkraft und Massenträgheit macht sich die Antriebstechnik der Kugel die physikalischen Gesetze eines Pendels zu Nutze. Die Interaktion ist akustikbasiert. Die Bewegung der Kugel und damit die Impulse werden durch die Besucher ausgelöst, angeleitet von Yanyan und Jens, die die Besucher schon auf ihrer Reise durch Balancity virtuell begleitet haben und die nun als reale Personen auftreten.

Realisiert wird Balancity von der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Pavillon Shanghai (ARGE), die aus drei Firmen besteht: Milla & Partner, Stuttgart, Schmidhuber + Kaindl, München, sowie Nüssli (Deutschland). Milla & Partner übernimmt dabei die Ausstellungs- und Mediengestaltung, das Büro Schmidhuber + Kaindl verantwortet Architektur und Generalplanung, Nüssli (Deutschland) ist mit der Ausführung und dem Projektmanagement betraut. Auftraggeber ist das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie, die Kölnmesse International GmbH ist die Durchführungsgesellschaft.

Entsprechend ihrer Größe und ihrem Selbstverständnis erwartet die Volksrepublik China die bisher größte Weltausstellung aller Zeiten mit rund 70 Millionen Besuchern und über 240 angemeldeten Teilnehmern - Staaten wie internationale Organisationen. Auch wenn die erwarteten Besucher in erster Linie aus China kommen werden, hat ein internationales Meinungsforschungsinstitut im Auftrag der Expo-Veranstalter ermittelt, dass mit rund 5 % ausländischen Besuchern zu rechnen ist. Den Deutschen Pavillon können vom 1. Mai bis zum 31.Oktober 2010 täglich bis zu 46.000 Menschen besuchen. ]]>
http://www.milla.de/press-article/items/6.html Mon, 01 Feb 10 00:00:00 +0100 http://www.milla.de/press-article/items/6.html
Eventpartner 06/2009: Hightech-Kugel für die EXPO 2010
Im Deutschen Pavillon möchte sich die Bundesrepublik im Rahmen der EXPO 2010 als vielseitige und ideenreiche Nation sowie als innovatives und zukunftsorientiertes Land präsentieren. Der deutsche Beitrag zum zentralen EXPO-Thema "Better City, Better Life" hört auf die Bezeichnung "balancity" - das Kunstwort aus "balance" und "city" soll eine Stadt in Balance thematisieren: zwischen Innovation und Tradition, zwischen Urbanität und Natur, zwischen Gemeinschaft und Individuum, zwischen Arbeit und Freizeit, zwischen Globalisierung und nationaler Identität.

Architektur als Metapher
Der Grundgedanke von balancity spiegelt sich bereits in der Architektur des Pavillons wider, die sich als begehbare dreidimensionale Skulptur mit vier großen Ausstellungskörpern präsentiert. Die für sich alleine labil wirkenden Körper formen erst im Zusammenspiel ein stabiles Gleichgewicht, was die Idee von balancity als eine Art architektonisches Gleichnis aufgreift. Der Weg durch die Ausstellungskörper ist wie eine Promenade angelegt, und die Gäste werden auf Stegen und Fahrsteigen durch unterschiedliche städtische Räume geführt; Steigungen und Wendungen moderieren dabei den Besucherfluss.

Am Ende ihres Weges gelangen die Besucher in einen vertikal orientierten Theaterraum, der den zwischenzeitlich zurückgelegten Höhenunterschied von circa zwölf Metern deutlich werden lässt - die Energiezentrale von balancity lädt als krönender Abschluss des Rundgangs in spektakulärer Form zu Interaktion ein. Nach einem etwa zehnminütigen Aufenthalt dort werden die Besucher in einer Spiralbewegung über drei Treppenanlagen nach unten geführt und auf den Veranstaltungsplatz des Pavillons entlassen.

Energiezentrale
Die Energiezentrale ist das Herz von balancity und ein Highlight des Deutschen Pavillons - hier entsteht die Energie, welche die Stadt zum Leben benötigt. Rund 600 Gäste finden getaktet Einlass in den Themenraum, in dem mehrere Galerien kreisförmig um einen sich kegelförmig nach unten verjüngenden Freiraum angeordnet sind. Im Zentrum der dunklen Freifläche "schwebt" eine majestätisch anmutende Kugel mit einem Durchmesser von drei Meter.

Die Oberfläche der Kugel ist mit LED-Modulen bestückt, die wechselnde Bildsequenzen zeigen; Animationen zum Thema Energie wechseln sich mit Bildern aus Deutschland ab. Die Kugel kann sich drehen und wie ein riesiges Pendel durch den Raum schwingen. Der Clou: Bewegung und Bildanzeige lassen sich durch Reaktionen der Zuschauer steuern; die gemeinsame Aktion der Anwesenden bringt im wahrsten Sinn des Wortes etwas in Bewegung - ein schönes Bild, dessen Aussagekraft sich niemand entziehen kann.

Präsentation
Anfang Oktober 2009 wurde das Kugelpendel offiziell der Presse vorgestellt; Ort des Geschehens war eine schmucklose Lagerhalle in einem Stuttgarter Vorort, die den Verantwortlichen über Wochen hinweg als Testlabor für die vollständig virtuell im Rechner entworfene Attraktion diente. Begrüßt wurden die anwesenden Pressevertreter zunächst durch Dietmar Schmitz, der als "Generalkommissar und Leiter des Referats für Messepolitik und EXPO-Beteiligungen" im "Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi)" für den Deutschen Pavillon auf der EXPO 2010 zuständig ist.

Der Pavillon wird vom BMWi verantwortet, Organisation und Betrieb liegen in den Händen der Koelnmesse International GmbH. "Für Deutschland ist es die größte EXPO-Beteiligung aller Zeiten, und wir wollen den in erster Linie chinesischen Besuchern ein attraktives Konzept, etwas ganz Besonderes bieten. Das wird uns mit der Show in der Energiezentrale und dem interaktiven Pendel gelingen", ist sich Dietmar Schmitz sicher.

Gefolgt wurde Schmitz im Rahmen der Präsentation durch Peter Redlin, Geschäftsführer und Kreativdirektor bei Milla und Partner (Konzept und Idee, Szenografie und Erlebnis, Gesamtdramaturgie). Details zur technischen Umsetzung erläuterten im Anschluss Manfred Dolde (Vorstand Technik bei der "ict Innovative Communication Technologies AG") sowie Jun.-Prof. Dr.-Ing. Robert Seifried (Institut für Technische und Numerische Mechanik der Universität Stuttgart).

Aha-Erlebnisse und offene Münder gab es zuhauf, als den theoretischen Ausführungen eine praktische Demonstration folgte: Animierte Energieblitze zuckten über die Kugeloberfläche, und der Koloss setzte sich begleitet von Musik mit unerwarteter Leichtigkeit in Bewegung - dass sich 1,2 Tonnen durch den Raum bewegten, mochte man kaum glauben, wenngleich Windböen aus verdrängter Luft sowie sonore Geräusche die mobile Masse körperlich erlebbar machten und das digitale Erlebnis um eine durchaus analoge Komponente bereicherten.

Bezüglich der Bespielung waren am 6. Oktober noch nicht die endgültigen Inhalte zu sehen, doch unmittelbar wurde klar, welche immensen Möglichkeiten sich hier für kreative Gestalter eröffnen. Die Interaktivität wurde u.a. mit einem eingeblendeten Auge demonstriert, das sich auf Zuruf oder bei Klatschen automatisch der Schallquelle zuwandte.

Technik, die begeistert ...
... gibt es nicht nur bei einem japanischen Elektronikkonzern, sondern auch in Baden-Württemberg. Selbst bei eher gering ausgeprägter Begeisterungsfähigkeit für Technik erkennt man sofort, welch ein komplexes Unterfangen mit dem Exponat - vermutlich gegen zahlreiche Bedenken und Widerstände - von Spezialisten ganz unterschiedlicher Disziplinen in die Realität umgesetzt wurde: Maschinenbau trifft Kreativagentur trifft Multimedia-Cracks - beim Pressetermin schien trotz durchaus unterschiedlichen Charaktere ein sehr gutes Klima zwischen den Beteiligten zu herrschen.

Die Kugel wiegt exakt 1.230 kg und ist in Spantenbauweise aus zwölf Segmenten konstruiert; "leicht für den Flugbetrieb und trotzdem stabil bei gleichmäßiger Gewichtsverteilung" lauteten die kaum unter einen Hut zu bringenden Vorgaben. Die Oberfläche setzt sich aus mehr als1.500 quadratischen LED-Modulen zusammen, die mit jeweils 16 x 16 RGB Leuchtdioden (Abstrahlwinkel 160 Grad) bei einem Pixelpitch von 8 mm bestückt sind; gehalten werden die Module von jeweils vier Magnetfüssen. Die Gesamtauflösung der videotauglichen Kugeloberfläche beläuft sich auf knapp 400.000 Pixel, die Helligkeit wird mit 1.500 Nit beziffert.

Innerhalb der Kugel mussten 3.500 Kabelstrecken verlegt werden; Strom und Datensignale werden nicht via Kabel, sondern über Schleifkontakte zugeführt. Der Stromverbrauch variiert je nach Bespielung und erreicht Peaks von 22 kW bei einem Durchschnittswert von 8 kW. Den EXPO-Dauerbetrieb soll das Exponat unbeschadet überstehen; für den Fall der Fälle werden dennoch LED-Ersatzmodule nach Shanghai mitgenommen, und ein Revisionszugang ist vorhanden.

Abgerundet wird die LED-Inszenierung mit ihrem überraschend kontrastreichen Bild und ihrer homogenen Helligkeitsverteilung durch eine Stimmungsvolle Beleuchtung mit Moving Lights und Scannern sowie eine mehrkanalige Klangkulisse. Letztere wird über im Rund oberhalb der Kugel angebrachte AT-50-Lautsprecher des deutschen Herstellers Fohhn wiedergegeben, die im Tiefbassbereich durch an DSP-Endstufen (D-2.1500) arbeitenden Subwoofern des Typs AS-40 ergänzt werden. Fohhn ist offizieller Sponsor des Deutschen Pavillons und stattet ihn mit Lautsprechern, Endstufen und einem Fohhn Netzwerk aus. Teil der Audiotechnik sind weiterhin acht abgehängte Richtrohrmikrofone, deren Signale zur Auswertung der akustischen Besucherreaktionen herangezogen werden.

Interdisziplinäre Kooperation
Befestigt ist die Kugel an einer vergleichsweise dünnen Stange mit 5,6 Meter Länge, die ihrerseits mit einem Antrieb an der Decke verbunden ist. Wissenschaftler der Universität Stuttgart haben in Zusammenarbeit mit Milla und Partner ein spezielles Antriebskonzept entwickelt, welches dafür sorgt, dass das Pendel zuverlässig in die gewünschte Bewegung ausschlägt und zudem sicher abgebremst werden kann.

"Das war schon eine Herausforderung, als Milla und Partner bei uns anfragten, ob es überhaupt möglich sei, solch ein Pendel in der gewünschten Form in Bewegung zu versetzen und ob wir das Regelungs- und Antriebskonzept entwickeln könnten", berichtet Prof. Peter Eberhard vom Institut für Technische und Numerische Mechanik (ITM). Robert Seifried, der sich als Juniorprofessor im Rahmen des Exzellenzclusters Simulation Technology am ITM unter anderem mit der Regelung und Optimierung von elastischen Mehrkörpersystemen befasst, ergänzt: "Nach ersten Modellrechnungen und Simulationen war klar: Die Aufgabe ist schwierig, aber lösbar."

Aufgrund des eng gesteckten Zeitplans musste der gesamte Entwicklungsprozess simulationsgestützt erfolgen, wofür Eberhard und Seifried weitere Partner an der Universität Stuttgart gewinnen konnten: Konstruktion und Lebensdauerberechnung der Pendelstange waren Aufgabe des Instituts für Maschinenelemente, und die Fragestellung, wie sich die vom ITM entwickelten komplexen Regelungsalgorithmen zuverlässig in eine Steuerung umsetzen lassen, welche elektromechanischen Antriebskonzepte und welche Sensorik für das Projekt geeignet sein könnten, bearbeitete das "Institut für Steuerungstechnik der Werkzeugmaschinen und Fertigungseinrichtungen" (ISW).

Eine besondere Herausforderung bestand nach den Worten von Dipl. Ing. Alexander Hafla vom ISW darin, eine neuartige Anlage zu entwerfen, die über sechs Monate und mehr als 14.000 Vorstellungen hinweg reibungsfrei und sicher funktioniert. Im Rahmen eines Gesprächs mit dem Autor stellte Hafla weiterhin heraus, dass man bei der Konzeption nicht auf vorhandene Erfahrungswerte zurückgreifen konnte, da etwas Vergleichbares zuvor schlichtweg noch nie gebaut worden sei.

Ein Blick auf den zum Antrieb des Pendels genutzten Kreuztisch mit seinen Elektromotoren offenbarte, dass zuverlässige Komponenten aus dem Werkzeugmaschinenbau zum Einsatz kommen; geeignete Schnittstellen zur Medientechnik mussten eingerichtet werden, so dass eine positionsgerechte Videosignalzuspielung aus dem Medienserver über eine Erfassung der Drehwinkelposition möglich ist. Das Pendel, das die Firma Metron nach den Berechnungen der Stuttgarter Wissenschaftler letztlich real in Stuttgart aufbaute, funktioniert mittlerweile wie gewünscht, selbst wenn lauf Robert Seifried die Stimmungslage gelegentlich "zwischen Euphorie und Verzweiflung" schwankte. Das außergewöhnliche Engagement aller Beteiligten hat sich zweifelsfrei gelohnt - die EXPO-Besucher werden in Shanghai auf beeindruckende Art und Weise erleben können, dass sich Ingenieurleistungen aus Deutschland durchaus auch spielerisch umsetzen lassen.

Yanyan trifft Jens
"Die Kugel wird zum Auslöser von Impulsen aus Deutschland für die EXPO 2010 - Ideen, die Deutschland zum Thema "Better City - Better Life" beisteuern möchte", erklärt Kreativdirektor Peter Redlin von der Agentur Milla und Partner seine Ideen der Energiezentrale. Die Stuttgarter Experten für Kommunikation im Raum sind gemeinsam mit den Architekten von Schmidhuber + Kaindl sowie den Bauingenieuren von NÜSSLI (Deutschland) für das Konzept von balancity und dessen Umsetzung verantwortlich.

"Die Bewegung der Kugel und damit die Impulse werden durch die Besucher selbst ausgelöst, angeleitet von Yanyan und Jens. In virtueller Form haben die beiden sympathischen Protagonisten des Pavillons die Besucher schon auf ihrer gesamten Reise durch balancity begleitet. Nun treten sie leibhaftig auf", fährt Redlin fort. Jens, ein Maschinenbau-Student, hat Yanyan bei seinem Studienaufenthalt in China kennen gelernt, so die fiktive Geschichte der beiden. Yanyan, die chinesische Architekturstudentin, kommt nun nach Deutschland zu Besuch, wo ihr Jens sein Leben, seine Stadt, sein Land zeigt.

"Beide sind neugierig, offen und gespannt auf die Welt des jeweils anderen. Das ist für uns einfach ein sehr schönes Stilmittel, um die unterschiedlichen Kulturen abzubilden", erläutert Redlin die Bedeutung der Protagonisten. Jens und Yanyan bewegen sich im kegelförmigen Bau der Energiezentrale auf Höhe des zweiten Ranges. Nah am Besucher umkreisen sie die Kugel und sprechen die Gäste direkt an. "Am wichtigsten wird es sein, dass die Pavillon-Besucher verstehen: Die Kugel kann tatsächlich von ihnen selbst bewegt werden, es handelt sich also nicht um eine Trick", sagt Peter Redlin zu Choreographie und Dramaturgie der Show.

Angeregt durch die Protagonisten sollen die Anwesenden feststellen, dass die Kugel durch lautes Rufen hin und her zu pendeln beginnt, je kraftvoller die Pendelbewegung wird, desto intensiver ist die Energie im Raum zu spüren, da sich die Veränderungen der Kugel im gesamten Raum widerspiegeln - auf den Wänden, an der Decke, auf dem Boden. Die von den Besuchern ausgelöste Bewegung des Pendels gewinnt an Fahrt und geht in eine Kreisbewegung über - Bilder aus Deutschland und aus balancity fliegen quasi greifbar nahe an den Augen der Menschen vorbei.

Stadt im Gleichgewicht
Über sieben Millionen Menschen werden den Pavillon gemäß offizieller Schätzung an 184 EXPO-Öffnungstagen besuchen. Die Botschaft der deutschen Beteiligung lautet: Eine Stadt ist dann lebenswert, wenn sich die Dinge im Gleichgewicht befinden - Altes und Modernes, Arbeit und Freizeit, Natur und Technik, Individuelles und Gemeinschaft. Impulse aus Deutschland für ein besseres Leben in der Stadt. Bereits bei der Demonstration in der kargen Stuttgarter Lagerhalle konnte man sich die Energiezentrale als krönenden Abschluss eines Rundgangs durch den deutschen Pavillon bestens vorstellen.

Ersetzt man die Halle gedanklich durch die verdichtete, auf Renderings zu erkennende Atmosphäre im Pavillon, ist absolut unzweifelhaft, dass sich die Installation im Wettstreit der Nationen auf der voraussichtlich größten Weltausstellung aller Zeiten zu einem Publikumsliebling entwickeln wird. Deutsches Hightech-Edutainment - Emotionen garantiert.

Autor: Jörg Küster ]]>
http://www.milla.de/press-article/items/9.html Wed, 23 Dec 09 00:00:00 +0100 http://www.milla.de/press-article/items/9.html
Stuttgarter Zeitung 03.08.2009: Kunst und Kommerz sind kein Widerspruch Von Thomas Braun.

Schon das Entree des Büros - einer ehemaligen Cartonagenfabrik mitten im Heusteigviertel - signalisiert dem Besucher: hier gedeiht die Kreativität. Eine überlebensgroße Gipsbüste des Schriftstellers Thomas Mann hat sich Johannes Milla gleich neben den Eingang stellen lassen, ein Überbleibsel des Deutschen Pavillons, den Milla und Partner für die Weltausstellung Expo 2000 in Hannover zu großen Teilen mitkonzipiert haben. Dass kreative Menschen nicht unbedingt ins Rampenlicht drängen, dafür ist Milla ein gutes Beispiel. "Meine Mutter hat immer gesagt, nur nicht auffallen", erzählt der 48-jährige geborene Offenbacher, der seine Kindheit und Jugend in Waiblingen verbracht hat. Aufgefallen ist Milla trotzdem, zuletzt auch in Stuttgart. Er hat im Mai 2008 für den Konzern Thyssen-Krupp die Technikschau Ideenpark auf der Landesmesse mit mehr als 280 000 Besuchern inszeniert.

Und er hat der Stadt Stuttgart, seiner Wahlheimat, und deren Oberbürgermeister die Stirn geboten, als es um die Betreiberauswahl für das geplante Mobilitäts- und Erlebniszentrum in Bad Cannstatt ging. Um den Zuschlag für das Projekt zu bekommen, dessen Konzeption Milla mit amerikanischen Partnern entwickelt hat, musste der Kreativdirektor allerdings mehrfach die Gerichte bemühen. Diese stuften schließlich die Bewerbung seines von AB Schuster und der Gemeinderatsmehrheit favorisierten Hamburger Konkurrenten Carlo Petri als fehlerhaft ein. "Sie kennen ja die Geschichte vom Propheten im eigenen Land", sagt Milla, der ansonsten den Streit mit der Stadt abgehakt hat und sich jetzt auf die Verwirklichung des Wissensparks konzentriert.

Dass der Sohn eines Bauingenieurs in der Kreativ-Designerbranche landen würde, hatte sich schon in jungen Jahren abgezeichnet. Mit sechs beeindruckte ihn bei einem Opernbesuch das Szenenbild zu "Zar und Zimmermann" nachhaltig: "Vor der Pause stand auf der Bühne ein halbfertiges Schiff. Und als der Vorhang wieder hochging, war das Schiff fertig", erinnert er sich heute noch an die Inszenierung. Später studierte Milla in München Theaterwissenschaften, Turkologie und Psycholinguistik, absolvierte nebenbei Praktika an Münchner Theatern. Dabei habe er festgestellt, "dass ich Kreativität organisieren und Aufmerksamkeit auf bestimmte Dinge lenken kann".

So gelang es Johannes Milla etwa, in der nachrichtenarmen Zeit die ARD auf eine Feuchtwanger-Inszenierung im Rahmen eines Theaterprojekts aufmerksam zu machen: "Ich habe in der Redaktion angerufen, und abends was das Projekt in der "Tagesschau". Die Zuschauer haben uns anschließend die Bude eingerannt", berichtet Milla. Neben seinen Theaterengagements organisierte Johannes Milla Skimodenschauen, getreu dem Grundsatz: "Kunst und Kommerz sind für mich kein Widerspruch." Drei Jahre lang arbeitete Milla als freischaffender Kreativer, bis er 1989 mit seinem heutigen Kogeschäftsführer Peter Redlin ein kleines Büro in Stuttgart eröffnete: "nach zwei Jahren waren wir schon 20 Leute, heute beschäftigen wir 41 Mitarbeiter in unserem Team."

Den Alltag der Agentur bestimmen freilich nicht die Großprojekte wie der Ideenpark oder der Deutsche Pavillon für die Weltausstellung 2010 in Shanghai, den Milla gemeinsam mit verschiedenen Partnern mitgestaltet und der ein Auftragsvolumen von 30 Millionen Euro umfasst. "Die Expo findet schließlich nur alle fünf Jahre statt", sagt der Agenturchef. Genauso stolz ist er auf die zahlreichen, weniger spektakulären Aufträge wie etwa die Ausgestaltung des Naturpark Heuchelberg/Stromberg oder des Steiff-Museums in Giengen an der Brenz. Wichtig ist Johannes Milla vor allem eines: "Wir machen keine Belästigungskommunikation." Im Klartext: die Besucher sollen die von Milla und seinem Team entworfenen Ausstellungen um neue Erkenntnisse und Emotionen reicher wieder verlassen, ohne das Gefühl zu haben, berieselt worden zu sein. "Das gehört zu unseren ethischen Prinzipien", sagt Milla.

Zum Schluss kommt das Gespräch unweigerlich doch noch einmal auf das Thema Mobilitätszentrum. Ob er denn glaube, dass sich angesichts der anhalten Wirtschaftsflaute genügend Sponsoren finden, die die Ausstellungsstücke für das Science Center zur Verfügung stellen? Milla wäre nicht in der Kreativbranche erfolgreich, wenn er darauf keine Antwort parat hätte: "Ich bin davon überzeugt, dass Qualität keine Krise kennt."
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http://www.milla.de/press-article/items/12.html Mon, 03 Aug 09 02:00:00 +0200 http://www.milla.de/press-article/items/12.html