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Transforming the Experience

Die Transformation des Besuchserlebnisses in Museen und Markenwelten

Seit der Pandemie befinden sich Museen und Ausstellungen im Zeichen der Transformation: Erfolgreich wurden in den letzten Monaten die Angebote digitalisiert und zugänglich gemacht. Mit der Wiederöffnung kommen endlich die Museen und deren Publikum wieder analog zueinander: das echte, von beiden Seiten langersehnte Besuchserlebnis!

Doch die Menschen haben sich verändert: Neue distanzgeprägte Gewohnheiten, Erfahrungen, Berührungsängste werden mitgebracht. Darauf müssen Museen und Unternehmensausstellungen empathisch eingehen. Hinzu kommt: Die Menschen haben einen großen Sprung in Digitalkompetenz vollzogen. Daraus resultiert einerseits die Erfordernis an Transformation der Museen – andererseits gibt es Dinge, die sich nie ändern werden und mehr denn je von den Menschen goutiert werden: die immersive Wirkung gelungener Räume, die Aura des Originals. Was sich sicher steigern wird: Menschen wollen interagieren, miteinander und mit dem Museum. Das gibt die Chance, im realen Raum einzigartige und unvergessliche Erfahrungen zu schaffen – egal, ob es sich dabei um individuelle oder gemeinsame Visitor Journeys handelt.

Die Transformation (er-) leben

Museen haben einen unschätzbaren Vorteil gegenüber allen anderen Medien: Sie werden gezielt besucht, bewusst betreten, und die Besuchenden vertrauen den Museum ihre Zeit, ihr Interesse und ihre Aufmerksamkeit an: Was für eine Chance! Raum, Zeit, Inhalt, Kontakt, Lernen sind zu gestalten: Erlebnis und Vermittlung – darum geht es bei „räumlicher Kommunikation“. Partizipation, Interaktion, Dialog, die Lust an der Erkenntnis, die Freude am Thema sind die Kraft der Museen und Markenwelten – so werden nachhaltige bewusste und emotionale Beziehungen geschaffen.

Die Pandemie hat diese nachhaltigen Besuchserlebnisse disruptiv verändert und wird sie auch in naher Zukunft weiterhin sichtbar beeinflussen: Abstandsregeln und Hygienemaßnahmen werden irgendwann zurückgefahren sein – bis zu welchem Grad bleibt offen –, sind aber als prägende Angsterfahrungen omnipräsent. Die durch die Pandemie enorm erhöhte Digitalkompetenz führt dazu, dass die Besuchenden noch anspruchsvoller werden hinsichtlich der digitalen Ausstattung der Museen. Aber hier geht es nicht um technologischen Selbstzweck, sondern um Dialogfähigkeit der Museen. Um deren Bereitschaft, echte Teilhabe zu ermöglichen und auch den Besuch und den Dialog mit den Besuchenden weit über die Präsenzzeit hinaus zu verlängern.

Und einen weiteren Effekt prognostizieren wir: Die Menschen haben gelernt, auch als Gruppe digital zu agieren. Der einzelne Besucher wird zukünftig nicht nur als mündiges Individuum eine verstärkte Rolle spielen, sondern auch als aktiver Teil eines größeren Ganzen, als Teil einer Community. Museen werden ihre Community mithilfe digitaler Schnittstellen ausbauen müssen. Durch Besuchernähe und Innovationsfreude können dabei neue Möglichkeitsräume sowie neue Dialog- und Begegnungsformate entstehen. Gekonntes Storytelling kann Lernen und Erleben optimal miteinander verzahnen – wobei die Story weit über den Besuch hinaus gehen muss. So werden neue ganzheitliche Erlebnisse generiert, die jeden individuell, gemeinsam, aktiv und lokal miteinbeziehen. Die folgenden Szenarien erläutern diese Prognosen und zeigen vielversprechende Thesen und Potenziale auf.

Die Intensivierung des individuellen Erlebnisses

These: Besuchende werden selbstbewusst ihr individuelles Ausstellungserlebnis im eigenen Flow entwickeln. Emotionale Momente und intensive Lernerlebnisse werden dabei ihre konzentrierte Auseinandersetzung mit dem ausgestellten Thema prägen.

In coronakonformen Räumen wird sich die persönliche Visitor Journey intensivieren: Besucher werden sich noch bewusster und gezielter für einen Gang ins Museum entscheiden, wollen im Gegenzug aber auch mehr Freiraum erhalten, um das Gezeigte nachhaltig auf sich wirken zu lassen und sich anschließend individuell damit auseinanderzusetzen.

Lieber aktiv oder passiv? Die Menschen wurden mehr als ein Jahr lang herausgefordert hinsichtlich Autonomie, Selbstständigkeit, Verantwortung, Aktivität, Disziplin. Wie wirkt sich dies auf ihre Bedürfnisse in Ausstellungserlebnissen aus? Genauso wie es unterschiedlich aktive und passive Besuchertypen gibt, werden die Bedürfnisse in beide Richtungen gehen. Neben Raum für Aktivität werden sie auch passiv sein wollen, einmal nicht mehr nachdenken müssen und verzaubert und begeistert werden. In Augenblicken innerer Ruhe werden sie ihre eigenen Grenzen der Aufnahmefähigkeit erkennen und dementsprechende Pausen bewusst nutzen. Sie werden den für sie gestalteten „Raum für Zeit“ besonders wertschätzen.

Potenzial: Die Rundgänge und damit die Leitsysteme und Guides werden viel adaptiver für die Bedürfnisse der Individuen ausgerichtet. Im Dialog und/oder mithilfe von (digitalen) Begleitern, Applikationen und intelligenten Leitsystemen lassen sich geführte und damit planbare, aber stets einzigartige Besuchserlebnisse generieren.

Stärkung des Gemeinschaftsgefühls: Erlebnisse als Kollektiv

These: Gezielte Ausstellungsformate für Kleingruppen werden den Teamspirit wecken, das Gemeinschaftsgefühl fördern – auch bei zufälligen Begegnungen – und verbindende Erinnerungen schaffen.

Kollektive Erlebnisse in Ausstellungsräumen eröffnen überraschende Perspektivwechsel und generieren neue Lernerfahrungen. Diese Gruppenerlebnisse werden in der Post-Corona-Zeit den Zusammenhalt innerhalb unterschiedlichster Gruppen stärken und für jeden im Raum spürbar machen. Die Kraft der Gruppe wird an Bedeutung gewinnen und in gemeinsam gestaltbaren Kleinprojekten sowie kollektiven Raum- und Interaktionserfahrungen münden. Es wird egal sein, ob sich die Gruppe von Anfang kannte oder sich zufällig begegnet ist. Kooperativ werden sie immersive Räume, die noch stärker mit Inhalten oder konkreten Fragestellungen verknüpft sind, erobern und erleben.

Potenzial: Dank neuer Formate für kollektive Erfahrungen und bewusstem Einsatz von Storytelling können gezielt neue Besuchsgruppen erreicht werden, Austausch, Dialog und Diskurs werden gefördert, der Wert von Gemeinsamkeit kann erlernt und erlebt werden – ein wichtiger gesellschaftlicher Aspekt in Zeiten zunehmender Polarisierung.

Das Publikum gestaltet mit

These: Besucher genauso wie Personal werden im fließenden Prozess zu einem aktiven Teil von Interventionen und Selbstbeteiligung und damit zu Impulsgebern sowie Mitgestaltenden des Erlebnisses.

Nach den Lockdowns wird es umso wichtiger werden, mit Museen sichere, aber auch lebendige, sich verändernde Orte zu schaffen, die derartige Interventionen zulassen und Möglichkeitsräume generieren. Raum wird für gemeinschaftliche Zwecke genutzt werden und der Sache dienen. Aktivität wird zur Selbstverständlichkeit. Aber nicht nur die Besucher werden in ihrem Handeln aktiviert werden, auch das Personal wird zu aktiven Begleitern und Impulsgebern. Die Verknüpfung mit dem virtuellen Raum ergänzt den Dialog unendlich, das gemeinsame Erlebnis wird hybrid bereichert und auch über den Besuch hinaus in Communities weitergelebt.

Potenzial: Die Besucher werden kreativ und damit selbst zu Kuratoren und Mitgestaltenden. Sie machen sich das Museum oder den Ausstellungsort zu eigen. Besucher können im Sinne des lebenslangen Lernens mit diesem Ort wachsen, ihm über Generationen hinweg nahe sein und eigene Spuren hinterlassen. Museen erkennen den Wert von „user generated content“.

Think global, experience local!

These: Museen und Science Center werden verstärkt als „Dritter Ort“ erlebt und damit zu lokalen Identifikationsräumen sowie zum Ausgangspunkt weltweiter Vernetzung.

Der Spirit eines Museums verrät erstaunliche Entwicklungspotenziale der Einrichtung: Der Ort und seine Menschen schaffen Verbundenheit, stärken lokale Wurzeln und bieten Raum für Gemeinschaft, für Austausch mit anderen Bürgern mit ähnlichem Interessensspektrum sowie für aktive Teilhabe bei lokal geprägten Themen. Die Pandemie hat gezeigt, dass Ausstellungshäuser sich nicht auf den Tourismus verlassen können. Es wird verstärkt darum gehen, Institutionen für Stadt und Region attraktiv zu gestalten und sie im besten Fall zu Identifikationsorten werden zu lassen. Physische und virtuelle Heimat werden dabei zunehmend verzahnt und ermöglichen intensive und authentische Erlebnisse auf allen Kanälen.

Potenzial: Hybride Formate und Community-Plattformen führen dazu, dass Museen nicht nur von daheim, sondern auch vor Ort intensiver erlebt werden können: Während im digitalen Raum diverse Begegnungs-, Austausch- und Vermittlungsformate individuell und über regionale Grenzen hinaus genutzt werden können, wird der reale Raum gemeinschaftlich noch intensiver wahrgenommen.


Ausstellungshäuser können durch die Transformation des Besuchserlebnisses enorme Potentiale heben: für sich selbst, für die Menschen, für die Orte, an denen sie stehen und für Wirkung ihres gesellschaftlichen Beitrages.

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